Die Männer, die den Staatsstreich übten, machen heute wieder Staat

17. August 2001, 20:28
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Damals wollten sie die Sowjetunion mit Gewalt retten und den letzten Sowjet-Präsidenten Michail Gorbatschow stürzen ...

Sie waren angetreten, das Vaterland (die Sowjetunion) und das arbeitende Volk vor schrecklichem Ungemach (demokratische Reformen) zu retten. Anlässlich des zehnten Jahrestags ihres Umsturzversuches sind die einst hohen Funktionäre der Sowjetunion wieder zusammen aufgetreten. Sie seien zu schlecht organisiert gewesen, ein Grund für das Scheitern des Umsturzes sei der zurückhaltende Gebrauch von Gewalt gewesen, erklärten die Putschisten.

Zwar waren am 19. August 1991 Panzer in Moskau eingefahren, doch wurde nicht geschossen, und eine Menschenkette vor dem Weißen Haus, wo der damalige russische Präsident Boris Jelzin zum Widerstand aufrief, verhinderte die Erstürmung des Gebäudes. Drei junge Menschen starben dennoch.

Wie chaotisch und ungerecht die Putschisten die letzten zehn Jahre auch beschreiben - sie selber haben sich nicht schlecht in die neue Zeit gerettet. Nach dem Putsch wurden sie zwar alle verhaftet, saßen aber nur für einige Monate ein; 1994 wurden sie von der Duma amnestiert. Einige der rührigen Herren starteten bereits vorher ihre neuen Karrieren: Gennadi Lukjanow etwa, einst der Chef des Obersten Sowjets, und Wassili Starodubzew, einst Kolchosverwalter, wurden noch während des Gerichtsverfahrens ins Parlament gewählt.

Wegen seiner neuen Aufgabe erschien der angeblich kranke Lukjanow nie im Gerichtssaal. Bis heute ist er einer der profiliertesten Abgeordneten. Seine Vergangenheit ist so gut wie getilgt. Zwei Jahre nach dem Umsturzversuch fragte er in einem Interview: "Welchen Putsch? Es gab keinen Putsch."

Auch Gennadi Warennikow, der die Amnestie ausschlug und schließlich vom Obersten Gericht freigesprochen wurde, saß eine Weile in der Duma. Heute ist der einstige Vizeverteidigungsminister der Sowjetunion Vorsitzender des Veteranenverbandes. Der frühere Premierminister der UdSSR, Walentin Pawlow, hat den Schrecken der Wirtschaftsreformen getrotzt und ist Privatbanker geworden.

Exverteidigungsminister Dmitri Jasow arbeitet - auf Einladung Jelzins - seit 1998 als Berater für das Verteidigungsministerium. Der verflossene KGB-Chef Wladimir Krjutschkow berät verschiedene Firmen, auch eine, die dem Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow nahe steht. Letztes Jahr wurde ihm eine besondere Ehre zu Teil: Präsident Wladimir Putin lud ihn zu seiner Amtseinführung ein. Die steilste Karriere hat jedoch Wassili Starodubzew gemacht. Nach der Amnestie ist er nach  Tula zurückgekehrt und hat die Leitung jener Kolchose wieder übernommen, die er vor dem Putsch geleitet hatte. Drei Jahre später wurde er mit 62 Prozent der Stimmen zum Gouverneur des Oblast Tula gewählt, vor einigen Wochen ist er im Amt bestätigt worden, mit 72 Prozent der Stimmen. Innerhalb der Kommunistischen Partei ist er heute die Nummer drei.

Diese Woche hat Starodubzew nicht wegen des August-Putsches Schlagzeilen gemacht, sondern wegen eines anderen Jahrestages: Im September wird der 621. Jahrestag der Schlacht auf dem Schnepfenfeld (Kulikowo Pole) gefeiert, das im Oblast Tula liegt. Starodubzew kündigte an, zu diesem Anlass dem dortigen Kloster eine Glocke spenden. Was das Publikum daran empörte: Der Putschist von einst wollte die Glocke mit seinem Konterfei zieren - obwohl er mit dem damaligen Sieg über die Tataren nun wirklich nichts zu tun haben kann. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 18./19.8.2001)

STANDARD- Korrespondentin Zita Affentranger aus Moskau
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