Händchenhaltend unter dem Baldachin

17. August 2001, 19:55
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Großbritannien: Historiker erforscht Beispiele kirchlicher Toleranz für Homosexuelle

Der gemeinsame Grabstein von John Whytton und John Bloxham im Merton College in Oxford zeigt die beiden Männer händehaltend unter einem Baldachin - ein im 14. Jahrhundert übliches Symbol für Ehepartner. Im Christ's College in Cambridge bezeichnet eine Grabinschrift aus dem Jahre 1684 die Beziehung des dort bestatteten John Finch und Thomas Baines als "connubium", als Ehe, die durch ein geknüpftes Tuch dargestellt wird.

Dies sind nur zwei aus einer langen Reihe von Beispielen, die der britische Kirchenhistoriker Alan Bray als Beleg dafür anführt, dass sowohl die katholische wie auch die anglikanische und andere Kirchen im Land gleichgeschlechtliche Partnerschaften in der Vergangenheit billigten.

Bray, der am Birkbeck College in London arbeitet, hat Grabsteine, Inschriften und Gedenktafeln vom 14. bis 19. Jahrhundert erforscht und dabei neben leidenschaftlichen Texten auch viele bildliche Darstellungen homosexueller Beziehungen gefunden.

Durchaus üblich

Es war durchaus üblich, dass gleichgeschlechtliche Paare in einer Zeremonie vor der Kirche ein Bekenntnis zueinander ablegten und dann drinnen zur Kommunion gingen, erklärt Bray weiters in einem Artikel in der aktuellen Ausgabe der katholischen Wochenzeitung The Tablet. Belegen kann er dabei nicht nur die "Ehen" homosexueller Laien, sondern auch die hoher Kleriker. Ab dem 17. Jahrhundert finden sich dann auch häufiger Grabsteine für Frauenpaare.

Inwieweit die in den von Bray entdeckten Paare ihre Sexualität lebten, lässt sich natürlich nicht feststellen. Von der Möglichkeit musste man jedenfalls ausgehen, was die Kirchen aber nicht daran hinderte, diesen Partnerschaften ihren Segen zu erteilen, betont der Historiker. Nachdem er sich mit seinem Werk "Homosexualität im England der Renaissance" einen Namen gemacht hat, will Bray seine jüngsten Forschungen im kommenden Jahr in einem Buch mit dem Titel "The Friend" publizieren.

"Keusche gleichgeschlechtliche Beziehungen wurden immer toleriert

Die Pressestelle der hiesigen katholischen Kirche reagierte auf Brays Enthüllungen mit der Feststellung, man habe stets gleichgeschlechtliche Beziehungen akzeptiert, sofern sie keusch waren. Einzelne KlerikerInnen zumal in der anglikanischen Kirche denken und handeln freilich anders - sofern es ihnen möglich ist.

Nicht möglich war es in diesem Juni dem katholischen Bischof von Middlesbrough. Aus Anlass des 25. Bestehens der Lebensgemeinschaft zwischen den Leitern zweier katholischer Hilfsorganisationen wollte er eine Messe lesen. Doch ein Schreiben aus dem Vatikan verhinderte die Feier buchstäblich in letzter Minute.
Brigitte Voykowitsch - DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 18/19.08.2001

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