Löscher vielleicht "bei einem Festl leer gespritzt"

17. August 2001, 19:55
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Kriminalisten ermitteln, ob die für die Dacharbeiten zuständige Baufirma Strabag ein Verschulden trifft

Wien - Gut 24 Stunden nach der ersten Brandmeldung aus den Sofiensälen war die Wiener Feuerwehr Freitagabend noch immer mit dem Löschen von Glutnestern beschäftigt. "Wir werden sicher noch bis Sonntag Brandwachen aufstellen müssen", erklärte ein Feuerwehrsprecher dem Standard. Brandexperten des Sicherheitsbüros nahmen indes ihre Arbeit auf. Die Kriminalisten gehen von den Dacharbeiten als Brandursache aus. Es wird geprüft, ob die ausführende Baufirma ein Verschulden trifft. Freitag gab es auch heftige Diskussionen über die Brandschutzvorkehrungen. In dem Gebäude aufgehängte Feuerlöscher sollen nicht funktioniert haben. "Wir hatten noch versucht, im großen Saal zwei Feuerlöscher zu betätigen - aber die waren leer. Die waren einfach leer", berichtet der Hornist Balduin Wetter im Standard-Gespräch von den letzten dramatischen Minuten in den Wiener Sofiensälen. Balduin Wetter war einer jener Musiker, die am Donnerstag für eine CD-Aufnahme im großen Saal geprobt und dabei das Feuer entdeckt hatten.

"Das ist absoluter Blödsinn", erklärte Matthias Fletzberger von der Betreibergesellschaft KulturConsult. Die Löschgeräte seien regelmäßig kontrolliert worden. Das bestätigt auch die Wiener Feuerpolizei. Die letzte Brandschutzbegehung fand am 1. Juli 2001 statt. Damals wurden die Feuerlöscher stichprobenartig kontrolliert. "Allerdings", so ein Beamter, "könnte es sein, dass die Löscher bei einem Festl leer gespritzt wurden." Debakel für Agentur "Grad im letzten halben Jahr haben wir Sanierungsarbeiten um rund zwei Millionen Schilling durchführen lassen", ärgert sich indes Sonja Soukup von der KulturConsult. Um das alte Gebäude eventtauglich zu machen, sei der Fußboden erneuert, seien Schall- und Feuerschutzwände eingebaut worden. Letzteres im Keller. Doch, so Soukup, "gegen einen Brand von oben hätten auch Türen in den Sälen nichts ausgerichtet". Sie geht von 15 bis 20 Millionen Schilling Schaden für ihre Eventagentur aus, die die Sofiensäle bis April 2002 gemietet hat. Die Dachreparatur war von der Bauholding-Tochterfirma Strabag im Auftrag der Eigentümer - der Sofiensäle Aktiengesellschaft - durchgeführt worden: "Reine Erhaltungsarbeiten", wie Vorstandssprecher Michael F. Kövesi betont.

Nun stelle sich die Schuld-und im Anschluss daran die Kostenfrage. Der Schaden soll mindestens 100 Millionen Schilling umfassen, die Sofiensäle AG verfüge über eine Haftpflicht-samt Feuerschadenversicherung von 180 Millionen Schilling. Auch die Entscheidung des Denkmalschutzes sei abzuwarten: "Es ist möglich, dass der große Saal wiedererrichtet werden muss." Umdenken müssen werde man bei den schon länger gewälzten Umbauplänen der Säle in ein 250-Zimmer-Hotel, meint Kövesi. Das Interesse mehrerer Konsortien an dem 370-Millionen-Schilling-Projekt aber sei weiter vorhanden. "Sofie" nie gesehen Das 1838 eröffnete Dampfbad hatte der Erbauer der Wiener Sofiensäle, Franz Morawetz, nie gesehen. Der Sohn jüdischer Handelsleute war vor Fertigstellung erblindet. Aufgrund des großen Erfolges ließ Morawetz schließlich ein Hallenschwimmbad für 300 Personen einrichten - nach Plänen von van der Nüll und Sicard von Sicardsburg. Winters wurden im nach Erzherzogin Sofie benannten Saal Konzerte, Bälle und Versammlungen veranstaltet. Der Eröffnungsball wurde am 12. Jänner 1848 von Johann Strauß Vater dirigiert. Damals war der Saal das größte öffentliche Gebäude von Wien. (DER STANDARD, PRint,18./19.8.2001)

Irene Brickner, Roman Freihsl, Christoph Prantner
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