Sechs Menschen im Salzschnee

17. August 2001, 20:10
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"primitive science" aus London bei den Salzburger Festspielen

Salzburg - Hübsch. Dekorativ rieselt das Kochsalz aus dem Bühnenhimmel des maroden Salzburger Stadtkinos. Im blauen Licht der Scheinwerfer lecken meterhohe Dünen des weißen Goldes in die Zuschauerreihen. Minimalistisches Tongeplätscher diktiert den Rhythmus einer langsam verstreichenden Zeit. Später wird taghelle Beleuchtung das Salz, das im Nachtlicht zu Sand ward, optisch in Schnee verwandeln. Menschen mit hübschen, altmodischen Schals werden einen Schlitten durch die weiße Weite ziehen, Häuschen aus Schnee errichten.

Nichts ist, was es ist. Theater ist die Kunst der Illusion, könnten die - zart abgestandenen - Weisheiten lauten, die solche optischen Spielereien gewöhnlich überschreiben. Oder, formuliert mit den Worten von "primitive science", den Londoner Theatermachern, die an diesem schweißheißen Augustabend sechs Menschen zwecks Uraufführung in den Kunstschnee setzen: "Der Raum wird zur Versuchsanordnung für die Wahrnehmung des Zuschauers." Amen. Nach fünf Jahren harter Abrechnung mit Thatcher-England, nach wütender Sozialkritik, Drogen, Blut und Tod auf Englands keuschen Bühnen, nach den Dramenattacken aggressiver junger Autoren wie Mark Ravenhill und Sarah Kane scheint das Märchen zurückzukehren ins Theater von New Labour. Das Geheimnis. Die Schönheit.

Die Langeweile auch. Die malerische Schönheit, die Regisseur Marc von Henning und Dramaturg Boz Temple-Morris, die künstlerischen Leiter von "primitive science", auf die Bühne leuchten, präsentiert sich so makel- wie harmlos. "Gewalt und Geheimnisse, die in der Natur und den Menschen schlummern", würden aufgespürt, informiert ein programmatisches Papier den unkundigen Journalisten über die hierzulande weitgehend unbekannte Gruppe. Visuelles Theater nach kunstimmanenten Anregungen werde geboten. Frühere Arbeiten zeugen von mythischer Inspiration: Ikarus Falling, Poseidon.

In ihrer jüngsten Produktion Invisible College (der Titel: rätselhaft wie der enigmatische Name der Truppe - das Geheimnis sei ihnen belassen), die nun bei den Salzburger Festspielen zur Uraufführung gelangt, berufen sie sich dazu auf drei Borges-Erzählungen - Das Labyrinth von Babylon, Die Rose des Paracelsus, Blaue Tiger -, die eine Stimme fragmentarisch vom Band raunt, während die hübschen Menschen hübsch langsam durch den Schnee streunen, Tannenbäumchen vom Himmel plumpsen und ein rostiger Schaufelbagger eine weitere Fuhre Salz entlädt.

Borges wurde nicht erwähnt in der Vorab-Information. Wozu auch? Nichts hat das bildverliebte Zaubertheater gemein mit den komplexen Spiralwelten etwa eines Labyrinths von Babylon aus dem Jahr 1944, in dem sich absurde Systeme mit fataler Konsequenz und immenser Schicksalsbosheit zur Weltherrschaft verschrauben.

Kunst im Zitat - welcome back to the eighties. Auf Greenaways rätselhaften Bildspuren entfliehen zwei spätberufene Epigonen der Kälte der Globalisation in den Salzschnee.

Ihre Bühne liege jenseits des traditionellen Theaters, verkündeten "primitive science". Vielleicht ist alles doch nur eine Borgessche Fiktion, und durch Salzburgs Gassen hallt ein großes britisches Gelächter . . .

(DER STANDARD, Print, Sa./So. 18.8 2001)

Cornelia Niedermeier

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