Die hohe Kunst der Schicksalsmacher

17. August 2001, 20:00
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Bei Art Carnuntum: Das LaMaMa Theater

Petronell/Carnuntum - Die griechische Sagenwelt beherbergt die gefährlichsten Bruitisten. Unter ihnen ist der Chor noch der mildtätigste Supervisor. Die Protagonisten - König, Tochter, Bruder - stimmen die herzzerreißendsten Töne an. Einer jeden Tat gehen mächtige Schlachtgesänge voraus und folgen bitterste Schmerzensschreie. Man kommuniziert die Verhängnisse im Brüllton.

Umso kräftiger, wenn bei Aischylos gleich Sieben gegen Theben kämpfen: Die Ödipussöhne Eteokles und Polyneikes werden einander im Zweikampf um die königliche Macht töten. Wie dieses Geplärr nun bändigen? Ellen Stewart, die mit einem Teil ihrer LaMaMa-Truppe aus New York nach Petronell anreiste, um dort eine Kostprobe ihrer Dompteurskunst zu geben, erweist sich in diesem Bändigungsakt auch als Dirigentin. Sie zeigte eine "choreographierte Oper", mit Trommelfeuer und Jazzklängen (Musikalische Leitung: Michael Sirotta).

Die 82-Jährige trägt das ergraute Haar zu unzähligen Zöpfchen wirr geflochten. Leger im Trainingsanzug beobachtet sie ihr 40-köpfiges Ensemble im Amphitheater. Klar, diese Frau hatte schon von Anbeginn 1961 an mit konventionellem Theater nichts im Sinn. Und das beharrlich: Wenn sich LaMaMa, so wird sie selbst von der ganzen Welt liebevoll genannt, beim Festessen vorzeitig vom Tisch erhebt, bricht seitens ihrer Spieler, die Anhänger sind, tosender Applaus los. Sie aber unterbricht ihn leichthin: "Morgen um sechs Uhr ist Tagwache!"

Mittlerweile muss man LaMaMa schon zur zweiten historischen Avantgarde zählen. Der im Grundstock altertümlichen, sogar religiös anheimelnden Darbietung verhilft sie aber mit bizarren Deus-ex-Machina-Einsätzen auf die Sprünge: Die weit über die Mauergrenzen ausgedehnte Spielfläche, eine Art Minimundus-Griechenland, umfasst im hintersten Teil zunächst ein pompöses Segelschiff; dort (in etwa 40 Meter Entfernung von den Zuschauertribünen) saust einmal ein Riesenpegasus wie ein lustiges Zirkuspferd durch die Luft. Ganz vorne, im Ringkampf der argivischen Helden, ist die Macht des Fatums als meterhohe Marionettenhand oben an ein Seil und unten an den Leib eines Spielers gespannt. Sie tupft sachte an ihr Opfer. Genial. Ein Schicksalsbild für Götter. (afze - DER STANDARD, Print, Sa./So. 18.8 2001)

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