Teilchensammler - vom Nullpunkt aus

17. August 2001, 20:23
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"Dichter zu Gast": Im Gespräch mit Péter Esterházy, Péter Nádás und Imre Kertész

Am Sonntag endet die Reihe "Dichter zu Gast" bei den Salzburger Festspielen. Heuer vereinte sie drei große Seismographen der Krise: Péter Esterházy, Péter Nádás, Imre Kertész. Aus einem gemeinsamen Gespräch mit Richard Reichensperger entwickelte sich eine Fuge: Denkmusik und Utopie.
Salzburg - Im Weltkrieg, mitten im Zerfall, entwarf Hugo von Hofmannsthal mit seinem Festspielkonzept eine rückwärtsgewandte Utopie von Harmonie. Aber gibt es sie? Gibt es Harmonie im Leben, wo Beziehungsmuster zerfallen, in der Politik, wo Ideologien und Staaten zerbrechen? - Im Salzburger Café Bazar versuchten wir eine Zerfalls-Fuge. Hier die Introduktion der Wortkomponisten, allesamt aus Budapest: Péter Esterházy (geb. 1950) schrieb mit Kleine ungarische Pornographie den witzigsten Anti-Soz-Roman, in dem er Ideologie mit Ironie, mit Zitaten und Fragmenten zerteilt. Péter Nádás (geb. 1942) - "Proust ist ins Ungarische zu schön übersetzt, ohne seine Brüche" - erschuf in seinem Buch der Erinnerung das 20. Jahrhundert in Erinnerungstechnik neu. Und Imre Kertész (geb. 1929) zeigte in seinem Roman der Schicksallosigkeit die Erfahrung von Auschwitz als das Fremde schlechthin, als das Nichtintegrierbare. Um solche Geschichts- und Lebenserfahrungen kreiste das Gespräch der Dichter zu Gast:

STANDARD: Ich überlegte, warum Sie eigentlich zu dritt hier auftreten. Die Gemeinsamkeit kann ja nicht darin bestehen, dass Sie Ungarn sind. Das wäre wohl eher das Trennende.

Esterházy/Kertész/Nádás: Ja.

STANDARD: Doch Sie teilen ein Grundthema: die zersplitternde Erfahrung, der sozusagen kakanische Zweifel an geschlossenen Weltbildern. Ist Fragmentierung auch eine politische Äußerung, gegen geschlossene Ideologien?

Esterházy: Es ergab sich weniger aus einem Dagegenhalten. Sondern eigentlich ist es eine tagtägliche Erfahrung: Die Welt wirkt zwar gestrickt, hat aber keine Ordnung. Die Sachen und Systeme stehen nebeneinander. Deshalb schreib' ich oft einfach Sätze mit Nummern. Denn ich will der Welt keine Struktur geben.

STANDARD: Diese Nichtlinearität ist also kein bloßes Poetengespinst?

Esterházy: Unser Leben ist doch nicht schlicht wie ein Balzac-Roman. Sondern es hat das ständig Reflektierende: Da versehen wir schon unser Leben mit Fußnoten, Brüchigem.

Nádas: Ich glaube hier etwas ganz anderes. Ich habe in meiner neuen Novelle (Anm.: Die Geschichte der Photographie) die Diskussion mit dieser Auffassung Péters versucht. Ich kann Zersplitterung akzeptieren als die Darstellung einer Epoche, wo die Meinungen sehr verschieden sind. Aber ich möchte zeigen, dass die unverbindlichen Fragmente doch einen Zusammenhang haben.

STANDARD: Sinnsuche?

Nádas: Nachdenken. Ich finde keine stabilen Punkte. An eine Welt ohne Metaphysik kann ich aber nicht glauben. Ich kann akzeptieren, dass das so geworden ist, aber ich kann mich damit nicht zufrieden geben, das wäre ein langweiliges Paradies, das meiner Empirie nicht entspricht.

STANDARD: Ich möchte unser erstes Thema auffalten, zurück zu Politik und Geschichte: Kertész schreibt, nach Nietzsches "Gott ist tot" sei mit Auschwitz ein neues Sinnsystem da, nämlich eines, geschlossen, der Sinnlosigkeit.

Kertész: Auschwitz ist ein Nullpunkt. Von diesem Nullpunkt müssen wir ausgehen. Aus der Einsicht, dass die alten Werte tot sind, damals korrumpiert. In meinem Roman Schicksallosigkeit war das das Hauptproblem. Ich habe darin einen sprachkritischen Roman geschrieben.

STANDARD: Als Diskurs-Roman: Es werden vom deportierten Kind immer Sätze der Erwachsenen gehört. Und deren Werte, die dem Kind aber unverständlich, fremd sind.

Kertész: Das berechtigt, dass ich ein Kind als Helden nahm, das könnte sonst ja leicht rührselig werden. Hausmeister könnten weinen . . .

Esterházy: Bitte eine Liste dieser Hausmeister!

Kertész: Das Kind hört all diese Werte nur, benützt sie sprachkritisch. Es stellt sich heraus, dass sie - Tod, Schicksal, Anständigkeit - umgelogen werden. Deshalb habe ich alte Wertzusammenhänge in Disharmonie gebracht. Atonal. Schönberg hat vor 1914 schon bemerkt, dass das Wertsystem gebrochen ist. Er spürte, dass Tonales einfach nicht wahr ist.

Esterházy: Es ist natürlich viel schwieriger, diese Atonalität in der Prosa zu erreichen, denn die Sprache gebrauchen wir alltäglich, und Bedeutung ergibt sich aus dem Gebrauch: "Bitte einen Sack Kartoffeln."

Nádás: Schicksallosigkeit - hier erzählt der philosophische Autor in einer klassischen Form, es ist ein negativer Erziehungsroman. Dadurch wird klar, was Esterházy sagt: Weil wir alle sprachgebunden sind, sind wir verurteilt, uns an den "klassischen" Ton zu binden. Die Frage ist, wie man mit klassischen Formen umgeht. Wir drei stehen in ganz verschiedener Bindung zu ihr: ich am meisten, Esterházy am wenigsten.

Esterházy: Die Form an sich ist problematisch geworden. So nehme ich Fertiges: Anekdoten, Familienroman, Reisebericht - als ob sie lebendig wären.

Kertész: Ich nehme auch auseinander, versuche aber wie ein böser Bub, der etwas auseinander genommen hat, wieder zusammenzusetzen. Wie ein pointillistisches Bild.

STANDARD: Ein Vorschlag: Machen wir eine Engführung unserer Gesprächsfuge zurück von der literarischen Form ins Leben.

Nadás: Zurück zum Anfang unseres Gesprächs, bereichert um Schicksallosigkeit: Dass es den Tod gibt, ist keine Frage der Auffassung, nicht postmodern. Wenn ich den Menschen als ein Tier oder als ein Wesen sehe, dann sehe ich ihn auch als einen, der überleben will. Das ist schon ein fester Punkt, nicht "anything goes".

Esterházy: Ein fester Punkt?

Nádás: Dieser archimedische Punkt für die Kunst und für die Politik ist die Wahrnehmung. In ihr liegt die Gemeinsamkeit. Wir haben alle die Gabe, Dinge aufzufassen. Solche Gemeinsamkeit hat man versucht, in die Sprache der Politik zu übersetzen. Das ist Demokratie. Das hat nicht funktioniert, weil die Gesellschaft immer Täuschung, Hierarchie, Gleichgültigkeit, Unausgeglichenes liebt: In sich ist Europa zwar sozial ausgeglichen, aber nicht gegenüber der Dritten Welt. Da stehen wir im Mittelalter. Besser sind wir nicht.

STANDARD: Es funktioniert oft aber auch nicht, weil die Wahrnehmung - wie Sie als ehemaliger Fotograf am besten wissen - medial und ideologisch verformbar ist: Was Esterházy verdeutlicht und Kertész in seiner Kritik an den Intellektuellen zeigt. - Eine leichtere Frage zum Schluss: Haben Sie Ihre Salzburg-Auftritte eigentlich gemeinsam geplant, mit Hermann Beil?

Kertész: Bei gemeinsamen Treffen war das nicht zu vermeiden.

Esterházy: Nach gemeinsamen Treffen vor allem.

STANDARD: Aber Sie kennen sich alle schon lange.
Esterházy: Den Péter Nádás kenne ich seit Ende meines Mathematikstudiums. Obwohl er nicht studierte. Er hat keine Matura. Der gebildetste ungarische Autor hat keine Matura. Er ist ein Naturtalent. Wie ein Baum, ein Birnbaum. Nur wir andern sitzen hier und müssen arbeiten.

DER STANDARD, Print, Sa./So. 18.8 2001)
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