Kritik an Schröders Ostdeutschland-Tour

17. August 2001, 17:23
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Deutscher Kanzler läßt sich Vorzeige-Projekte zeigen

Jena - Zur Halbzeit der Sommerreise des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder durch Ostdeutschland haben die Opposition und örtliche Verbände Kritik an dessen Reiseplan geübt. Schröder besichtige Vorzeige-Projekte und umgehe Problembereiche.

Am Rande des Schröder-Besuchs in Jena sagte Thüringens CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel am Freitag: "Es gibt Problemgebiete, die es verdient haben, auch besucht zu werden."

Musterstadt Jena

Die Industrie- und Forschungsstadt gilt als ostdeutsches Vorzeigeprojekt. Sieben Unternehmen sind an der Börse notiert. Die Arbeitslosigkeit liegt weit unter dem ostdeutschen Durchschnitt.

Bei der Besichtigung des Schott Glaswerkes in Jena bezeichnete Schröder die dortige Entwicklung als ein Beispiel für das erfolgreiche Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland.

Der Spezialglas-Hersteller war in Jena vor mehr als 100 Jahren gegründet worden. Seit 1991 investierte Schott-West hier etwa 300 Millionen DM (153 Mill. Euro/2,11 Mrd. S). In diesem Jahr soll die thüringische Tochter 127 Millionen DM Umsatz erwirtschaften.

Polizei schirmt Kanzler ab

Enttäuscht über Schröders Visite in Brandenburg zeigte sich die Handwerkskammer Frankfurt an der Oder. Der Kanzler habe sich nicht den dringenden Problemen des Klein- und Mittelstandes gestellt.

Zuvor hatten sich in Mecklenburg-Vorpommern Handwerker beklagt, Schröder habe sich ihren Anliegen nicht gestellt. Sie wollten ihn auf Missstände wie die schlechte Zahlungsmoral von Firmen und Kommunen aufmerksam machen. Die Polizei habe jeden Kontakt verhindert.

SED-Vergleiche

Die ostdeutsche Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU rückte Schröder wegen seines Reiseplans in die Nähe der früheren DDR-Führung. Wer sich die Sahnestücke anschaue und die Problembereiche ausblende, verhalte sich wie das Politbüro der DDR-Staatspartei SED,

In Jena fragten Passanten den Kanzler nach den weiterhin ungleichen Gehältern in Ost und West, nach seinem früheren Versprechen zum Abbau der hohen Arbeitslosigkeit und nach dem Problem der Abwanderung vieler junger Menschen nach Westdeutschland.

Schröder warnte vor einer Dramatisierung. "Wir haben in unserem Land über lange Jahrzehnte eine Debatte um Mobilität gehabt. Wenn man sie dann in Anfängen hat, sollte man sich nicht beschweren." Diejenigen, die woanders neue Erfahrungen machten, kämen auch wieder. (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Fast die Finger verbrannt: Schröder im Glaswerk Jena

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