Wald- und Wiesengifte

20. August 2001, 10:12
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Die Pilze haben Saison, und dank der Wetterlage gibt es heuer reiche Ernte. Die Folge: Hochbetrieb in der die Vergiftungsinformationszentrale (VIZ) im Wiener AKH. Der Wiener Arzt und Mitarbeiter in der VIZ, Dr. Helmut Schiel, klärt im Interview mit Mymed.cc über die Gefahren auf, die im Wald und auf der Wiese lauern.

Das Interview führte Peter Seipel

Mymed: Herr Dr. Schiel, Sie sind seit zehn Jahren Mitarbeiter der Wiener Vergiftungszentrale. Gibt es immer noch Leute, die ein Eierschwammerl nicht von einem Knollenblätterpilz unterscheiden können?

Schiel: Leider ja. Sie glauben gar nicht, wie wenig sich manche Pilzsammler auskennen. Da wird zum Beispiel eines von zehn Schwammerl weggeschmissen, weil es anders aussieht als die anderen. Pech war nur, dass genau das der Steinpilz war, der Rest waren Knollenblätterpilze.

Mymed: Wie merkt man, wenn man sich mit einem Pilz vergiftet hat?

Schiel: Etwa 8 bis 12 Stunden, mitunter auch schon früher, nach dem Verzehr von Knollenblätterpilzen treten zunächst massive Brechdurchfälle auf, die sich nach etwa einem Tag bessern. Es kommt aber gleichzeitig zu schweren, mitunter lebensbedrohlichen Störungen der Leber. Der Verzehr von Knollenblätterpilzen ist die häufigste Ursache für schwere Pilzvergiftungen mit Gefahr für Leib und Leben. Vergiftungen mit anderen Pilzen können zwar ebenfalls äußerst unangenehm sein, enden aber nur sehr selten tödlich.

Mymed: Wie groß sind die Überlebenschancen nach dem Verzehr eines vergifteten Pilzragouts?

Schiel: Das hängt einerseits von der verzehrten Menge ab und andererseits davon, wie schnell ärztliche Hilfe in Anspruch genommen wird. Vor vielen Jahren lag die Sterblichkeit nach einer Vergiftung mit Knollenblätterpilzen bei etwa 30 Prozent. Dank massiver Fortschritte der Intensivmedizin konnte diese Zahl heute deutlich gesenkt werden. Behandelt wird auf Verdacht, der Nachweis des Giftes oder der Sporen ist nicht sicher möglich und daher sinnlos für die Therapieentscheidung. Ein spezielles Problem sind Mischvergiftungen mit unklaren Beschwerden nach Verzehr verschiedener Giftpilze, hier muss immer auch an eine Knollenblätterpilzvergiftung gedacht werden.

Mymed: Wie werden diese Leute behandelt?

Schiel: Wenn der Patient nicht ohnehin bereits alles erbrochen hat und die Einnahme größerer Mengen erst vor kurzer Zeit erfolgte, kann eine Magenspülung durchgeführt werden. Dann wird Aktivkohle verabreicht und der Betroffene auf die Intensivstation verlegt. Als spezielles Medikament bei Knollenblätterpilzvergiftungen wird "Silibinin" verabreicht, allein damit kann das Überleben einer schweren Knollenblätterpilzvergiftung kaum sichergestellt werden. Es ist vor allem die professionelle Therapie in der Intensivstation, die dem Patienten hilft. Im Falle einer Vergiftung mit Knollenblätterpilzen dauert die Behandlung mehrere Tage.

Mymed: Wie kann man einen Fehlgriff beim Schwammerlsuchen vermeiden?

Schiel: Vergessen Sie alle Patentrezepte wie den Silberlöffeltest, Schneckenspuren, usw. Das ist alles Aberglaube. Meine Empfehlung an alle Schwammerlsucher lautet unmissverständlich: Wer sich nicht auskennt, soll die Finger davon lassen. Pilze sammeln ohne fundiertes Fachwissen ist wie Autofahren im betrunkenen Zustand. Man gefährdet damit nur sich selbst und seine Familie!

Mymed: Herr Doktor Schiel, wir bedanken uns für das Gespräch!



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