Gute Noten sind nicht genug

16. November 2001, 13:51
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Sozial- und Teamfähigkeit gebündelt mit klarer Zielorientierung geben den Ausschlag

In einem global agierenden Konzern ist ein hoch dotierter Posten in Übersee zu besetzen. Die Vorstände lassen sich vor der Wahl ihres "Präsidenten Nordamerika" von Headhuntern beraten, entscheiden sich dann aber plötzlich für einen jungen Nachwuchskandidaten aus den eigenen Reihen, der auf Grund seines Alters erst einige Monate dem Unternehmen angehört.

Warum?

Die Gründe sind simpel: Er hat in Kanada eine Schule besucht, in den USA einige Zeit studiert und gerade für das Unternehmen, vertraut mit Dialekten und Mentalität der Region, das Terrain sondiert und darüber eine Studie vorgelegt, die Konzernziele absteckt und definiert, was mehr Schlagkraft bringen und zu größerem Erfolg führen könnte.

Eigenständigkeit

Die schmale Studie war keine Auftragsarbeit, der junge Mann hat sie einfach angefertigt, um seine Erkenntnisse schriftlich niederzulegen. Das hat die Herren überzeugt. Der Anfangsdreißiger bekommt den Job.

Eine jüngst von der Unternehmensberatung Kienbaum durchgeführte Untersuchung, die den europäischen Führungsnachwuchs genauer unter die Lupe nahm, führte zu einem überraschenden Ergebnis:

Neue Kriterien des Erfolgs

Während bisher die Examensnoten und der persönliche Arbeitseinsatz als wichtigste Kriterien für den Aufstieg von High Potentials galten, ist es nun vor allem die Praxiserfahrung, die ausschlaggebend ist, unterstützt durch Auslandsaufenthalte und dabei erworbene Sprachkenntnisse. Studiendauer und Ruf der Hochschule spielen dagegen eine deutlich untergeordnete Rolle. Der Abschluss mit besonderer Auszeichnung ist nicht mehr die Fahrkarte zum Karriereziel, sondern erst einmal nur die Eintrittskarte zum Bewerbungsgespräch. Bei dem wird immer mehr nicht über Studienschwerpunkte gesprochen, sondern die Persönlichkeit des Nachwuchsmanagers getestet.

Kommunikationsstärke, Teamfähigkeit, positive Ausstrahlung, Eigenmotivation, Zielorientierung, Lernbereitschaft, Belastbarkeit, analytische Fähigkeit, Durchsetzungsvermögen und Fähigkeit zur Selbstkritik stehen - in dieser Reihenfolge - auf dem Prüfstand. Vor allem bei den Global Players der Wirtschaft wird größter Wert auf menschliche Qualitäten beim Führungsnachwuchs gelegt. Wird zudem noch das individuelle Weiterbildungskonzept des Kandidaten transparent, erweitern sich seine Aufstiegschancen erheblich.

Sozialverhalten

Dass manche Manager-Jungstars immer noch glauben, sie müssten sich kalt bis an den Rand der Arroganz geben, um Härte und Durchsetzungsvermögen zu demonstrieren, ist eine der fatalsten Selbsteinschätzungen. Kooperationswunder sind gefragt, Integrations-Jongleure, Aufstiegs-Chefs mit ausgeprägtem Sozialverhalten, die Mitarbeiter nicht vergraulen, sondern auch da noch einzubinden versuchen, wo es schwierig ist.

Die anspruchsvollste Aufgabe ist, mit dem Nächsten zurechtzukommen, nicht unbedingt auf einer Du-zu-Du-Ebene, aber doch auf Augenhöhe. Die Bedeutung des Social-Index hat in den letzten Jahren so rasant zugenommen wie keine andere Kategorie.

Natürlich auch fachliche Qualitäten

Die Unternehmen gehen dabei selbstverständlich davon aus, dass der topqualifizierte Nachwuchs auch fachlich einiges zu bieten hat. Maßgeschneiderte Karrierepläne schließen neben weiteren Auslandsaufenthalten auch Weiterbildungsangebote ein. In diesem Bereich sind die Anforderungen an die Flexibilität des Youngsters am meisten gestiegen.

Als ebenso wichtig gilt das Teamverhalten. Immer mehr Firmen gehen dazu über, mit ihren Jungmanagern gemeinsam deren Karrieren regelrecht zu planen.

Karrieregespräche

Dazu finden informelle Gespräche statt - oft außerhalb des Unternehmens, in geselliger Runde -, in denen in frei flottierender Rede nächstfolgende Karriereabschnitte abgesteckt werden. Der Vorteil: So wissen die Entscheidungsträger genau, wer für welche Geschäftsbereiche optimale Voraussetzungen mitbringt und im Auge behalten werden sollte. Das verschafft einem Unternehmen Planungssicherheit.

Freude am Job kommt vor dem Geld

Auch das Gehalt spielt eine Rolle. Hochschulabsolventen folgen aber nicht mehr bedingungslos dem Ruf des Geldes, sondern informieren sich vor Ort über die Rahmenbedingungen eines Arbeitsverhältnisses, schnuppern kollegiale Atmosphäre und testen, ob die Chemie stimmt.

Die sich solcherart Informationsvorsprünge verschaffen, haben, wenn sie sich dann in die Pflicht nehmen lassen, bereits das erste Mal unter Beweis gestellt, dass sie Persönlichkeiten sind. (DER STANDARD, Print-Ausgabe)

Firmen erwarten von ihrem Führungsnachwuchs neben praktischer Erfahrung vor allem Persönlichkeit.

Von Roland Mischke

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