Causa Gross: Prozess nach neuerlichem Gutachten praktisch vor dem Aus

17. August 2001, 12:55
5 Postings

Gesundheitszustand des inzwischen 85-jährigen hat sich weiter verschlechtert

Wien - Der Mordprozess gegen den früheren NS-Arzt Heinrich Gross, der am 21. März 2000 im Wiener Landesgericht wegen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten abgebrochen worden ist, steht praktisch endgültig vor dem Aus. Volker Dittmann, Ordinarius für Rechtsmedizin und forensische Psychiatrie an der Universität Basel, hat den inzwischen 85-Jährigen neuerlich untersucht und kommt in seinem Gutachten zum Schluss, dass sich dessen Gesundheitszustand weiter verschlechtert hat.

Gross, der im Sommer 1944 als Stationsarzt an der berüchtigten Wiener Euthanasieklinik Am Spiegelgrund an der Tötung von neun behinderten Kindern mitgewirkt haben soll, leidet an fortschreitender Hirndemenz. Daran waren allerdings Zweifel aufgekommen, als er unmittelbar nach dem deshalb auf Eis gelegten Strafverfahren in einem Kaffeehaus bereitwillig Interviews gab und sich an den Zweiten Weltkrieg erinnerte.

"Stark gestörter Antrieb"

Bereits in einer ersten Expertise hatte der Sachverständige aus der Schweiz im Vorjahr die Aussagen des Vorarlberger Psychiaters Reinhard Haller bestätigt. Gross könne "wegen stark gestörten Antriebes" und "mangelnder Spontanität" seine Verteidigerrechte nicht wahrnehmen. Er sei nicht mehr in der Lage, "komplexen Sachverhalten zu folgen", hieß es unter anderem.

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde darauf beschlossen, den nach 1945 als Gehirnrforscher und Gerichtsgutachter hoch dekorierten Gross "in regelmäßigen Abständen" weiter zu untersuchen. Am 6. und 7. April musste sich das langjährige SPÖ-Mitglied einer solchen in seinem Eigenheim unterziehen. Die Exploration führte wiederum Volker Dittmann durch. Das Ergebnis ist vor kurzem im Landesgericht eingetroffen.

Auf 2002 verschoben

Demnach hat sich die Konzentrationsfähigkeit des 85-Jährigen weiter reduziert. Dittmann bezweifelt, dass der Angeklagte selbst auf kurze Dauer in der Lage wäre, einer Verhandlung im nötigen Ausmaß zu folgen. Und er glaubt nicht, dass sich daran etwas ändern wird: Er betont, dass es keinen Sinn mache, Gross vor Ablauf eines Jahres neuerlich in Augenschein zu nehmen. Die Anklagebehörde hatte ursprünglich Intervalle von sechs Monaten vorgeschlagen.

Der zuständige Staatsanwalt Karl Schober zog aus diesen Ausführungen die Konsequenzen. Das Verfahren wurde zwar nicht formell abgebrochen, Gross wird aber frühestens im Sommer 2002 wieder vom Gericht hören. (APA)

Share if you care.