Mordanschlag auf korsischen Nationalisten

18. August 2001, 18:24
1 Posting

Santonis Tod belastet Autonomiestatus - Polizei stellt bei seiner Freundin Waffen sicher

François Santoni verließ gerade das rauschende Hochzeitsfest eines Freundes in Monaccia in Südkorsika und wollte in seinen BMW steigen, als eine Gewehrsalve losging. An Kopf und Brust getroffen, starb er auf der Stelle, ein Leibwächter wurde verletzt. Die Attentäter entkamen; unter den Hochzeitsgästen gab es, wie es sich für Korsika gehört, kaum Augenzeugen.

Umso lauter widerhallten die tödlichen Schüsse in der Ferienruhe Korsikas und Frankreichs. Mit François Santoni fiel der bekannteste Separatist der Mittelmeerinsel. Der 41-jährige Kahlschädel mit dem Übernamen "Iguan", dessen Grabesstimme ebenso ausdruckslos und furchteinflößend war wie sein Blick, rechnete selbst mit seiner Ermordung. Er war ständig von zwei Leibwächtern begleitet und trug in seinem Gürtel eine Pistole, die in seinem Rücken unter der Jacke gut sichtbar war.

Vor zwei Monaten hatte Santoni in einem Buch die "Mafia-Abdrift" der Unabhängigkeitsbewegung FLNC denunziert. Der Iguan musste es wissen. Aus dem Dörfchen Giannucciu stammend, hatte er seine Sporen in der - von den Separatisten kontrollierten - Geldtransportfirma "Bastia Securita" verdient, um dann zum militärischen Sektorchef des FLNC aufzusteigen. Er brachte es bis zum Generalsekretär ihres politischen Arms, der "Cuncolta naziunalista".

"Illusionen geplatzt"

Wegen Bombenanschlägen und Erpressung saß er jahrelang in Untersuchungshaft, bis er unlängst offiziell der politischen Gewalt abschwor. Vor Jahresfrist wurde schon seine frühere Haftbekanntschaft Jean-Michel Rossi auf offener Straße erschossen; Santoni ließ öffentlich kaum Zweifel daran, dass die Mafia-Elemente im FLNC dafür verantwortlich seien, ebenso wie für den Mord am Inselpräfekten Claude Erignac. In Paris blieb Santoni suspekt, und Premier Lionel Jospin überging ihn, als er Verhandlungspartner für ein neues Inselstatut suchte. Als einer von wenigen Autonomisten war der Korse gegen den (nach dem Pariser Regierungssitz benannten) "Matignon-Prozess", der Korsika eine so weitgehende Autonomie wie noch nie einräumt. Der nun Ermordete lag wohl nicht ganz falsch mit der Einschätzung, das Ziel des neuen Statutes sei richtig, der Zeitpunkt aber verfrüht, solange auf der Insel politische Morde, Vendettas, Waffen- und Drogenhandel ungeahndet blieben. Der jakobinische Exinnenminister Chevènement, der wegen der erweiterten Korsika-Autonomie zurückgetreten war, erklärte denn nun auch, der Mord lasse "die letzten Illusionen platzen, auf denen das Autonomievorhaben beruht".

Polizei verhört Freunde und Angehörige

Nach der Ermordung von Francois Santoni hat die Polizei in der Nacht zum Samstag Freunde und Angehörige des führenden korsischen Nationalisten verhört, die Augenzeugen der Tat waren. Die Autopsie der Leiche brachte nach Polizeiangaben keine Klarheit darüber, ob einer oder mehrere Schützen auf Santoni feuerten. Bei einer Durchsuchung der Wohnung von Santonis Freundin, einer Pariser Rechtsanwältin, wurden darüber hinaus Waffen, zwei Handys sowie eine Reihe von Dokumenten sicher gestellt. (APA, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.8.2001)

STANDARD- Korrespondent Stefan Brändle aus Paris
Share if you care.