Ferragosto: Der Gast als Wirt

16. August 2001, 23:14
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Nicht nur die Italiener können "Ferragosto" feiern

Wien - "Ein Bier bitte." - "Gern. Soll ich dir helfen - oder schaffst du's selbst?"

Nein. Mathias Riedmüller ist nicht einer dieser unleidigen Wirte (wir kennen sie alle). Mathias Riedmüller ist einfach neugierig. Und macht gern Experimente. Außerdem feiert er Feste, wie sie fallen und gefallen. In Italien zum Beispiel: Ferragosto. Da ruht die Arbeit. Da geht gar nix.

Warum nicht auch in Wien? Warum nicht auf der Summerstage am Wiener Donaukanal? Warum nicht in der "Fernbedienung Delikatessen"? Also schrieb Mathias Riedmüller Mittwochabend "Selbstbedienung in der Fernbedienung" aufs Schild, setzte sich und verkündete seinem Team: "Heut' ist unser Tag." Und den Gästen: "Fühlt euch, als wäre es euer Lokal. Seid Wirt für einen Tag!"

Nicht lange, und schon bedient ein Pärchen enthusiasmiert die Prosciutto-Maschine. "Der legt sogar sparsamer als ich auf den Teller", kommentiert Riedmüller das Ergebnis. Dann wird von den Gästen selbst boniert. Und später: "Zahlen bitte!" - "Eine freie Spende." Und was das Pärchen "gerne gibt", ist großzügiger als der normale Preis.

Urmütter und Tauben

"Er durfte an die Maschine - das ist ihm etwas wert", sinniert Riedmüller. Dann sitzt er wieder mit seiner Crew am Tisch, plaudert über genetische Urmütter oder das Balzverhalten von Tauben. Domenica, die sonst um diese Zeit zwischen den Tischen herumwieselt, liest ein Buch. Oder spielt Fußball. Ein Kollege ist ins Kino gegangen.

Der Fußball hat zum Gelingen dieses Experiments übrigens entscheidend beigetragen: Österreich - Schweiz, das Debakel, bewirkte, dass es auf der Summerstage kommoder zuging. "Am Montag war hier die Hölle los", berichtet der entspannte Wirt. "Da hab' ich mir gedacht: Wenn ich an so einem Tag die Ferragosto-Aktion durchziehe, hab ich hier Mord und Totschlag. Und das mag ich nicht."

Aber am Fußballdebakeltag lief alles friedlich ab. Volleyballspieler holten sich ihr Eis, andere zapften. Auch mit den Italienern, die hereinschneiten, gab es kein Problem, "obwohl wir kein Wort Italienisch können. Aber Ferragosto hat ihnen etwas gesagt".

Apropos "hereinschneien". Es war nicht das erste Riedmüllersche Experiment. Am 24. Juli wurde auf der Summerstage Weihnachten gefeiert - unter einer zweieinhalb Meter hohen Silberfichte. Und am 31. Juli war das Silvesterfest - "mit Tanzkarten für die Damen". Das geplante "Hochzeitsfest" hatte es verregnet.

Und es wird auch nicht die letzte Aktion bei den "Fernbedienung-Delikatessen" sein. Für den 26. August will Mathias Riedmüller das Experiment "Bier und G'spritzte gratis" durchführen. Allerdings mit zwei Bedingungen: Das Angebot gilt nur für jene, die einen Sitzplatz ergattern. Und: "Es darf kein heißer Hochsommertag sein. Ich mach' das nur, wenn nicht zu viel los ist - sonst schade ich meinen Nachbarn."

Ein Plus von 14 Prozent

Dass Riedmüller Bier und G'spritzte verschenken will - und nicht etwa an Profitsicherung per Leitungswasser denkt -, zeigt, dass er das Summerstage-Lokal mit seinem Partner aus reiner Freude schupft. Im "normalen" Leben programmiert Riedmüller Software. Ferragosto hat sich jedenfalls ausgezahlt. An diesem Abend kamen bei der Endabrechnung nicht die üblichen acht Prozent Trinkgeld heraus - sondern ein großzügiges Plus von 14 Prozent. (Roman Freihsl, DER STANDARD Print-Ausgabe 17.August 2001)

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