"Die Situation ist dramatisch"

16. August 2001, 21:56
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Flüchtlinge in Traiskirchen obdachlos, Kirchenstellen überlastet

Traiskirchen/Wien - Die Überlastung habe sich "langsam eingeschlichen", erzählt Gertrude Hennefeld. Immer mehr Hilfesuchende kämen "seit mehreren Monaten" in die evangelischen Beratungsstelle nahe des Traiskirchner Flüchtlingsheims.

Vor ein paar Tagen hätten gar "Leute auf dem kleinen Vorplatz zum Gemeindesaal übernachtet", was zuletzt während der großen Flüchtlingsströme in den 90er-Jahren der Fall gewesen sei. Und: "Vergangene Woche konnte ich einer Familie nicht einmal mehr Geld zum Essenkaufen geben. Ich hatte keines mehr", schildert die auf kirchliche Gelder und Spenden angewiesene Flüchtlingshelferin.

"über 100 neuen Hilfesuchenden pro Monat"

Die "über 100 neuen Hilfesuchenden pro Monat" stammen meist aus Afghanistan, Indien und den GUS-Nachfolgestaaten: Asylwerber, die in Traiskirchen ihren Asylantrag gestellt haben, nun aber ohne jede Betreuung die Zeit bis zu ihrer ersten Einvernahme überbrücken müssen. Anspruch auf staatliche Hilfe in dieser Zeit existiere keine: Laut Günter Fleischmann von der Wiener Caritas "ein Mangel an Rechtsstaatlichkeit".

Dazu kommen Asylanten, die im Lager mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind: "Menschen, die einfach aus der Bundesbetreuung ,hinausgeschmissen' werden", wie Traiskirchens Bürgermeister, Landesrat Fritz Knotzer (SP), kritisierte.

Deren Zahl habe zugenommen, wenn auch "nur proportional", meint dazu der Leiter der Sektion für Asyl- und Fremdenrecht im Innenministerium, Wolf Szymanski: "Heuer müssen wir das dritte Jahr in Folge mit mehr als 20.000 Asylwerbern rechnen, davor waren es an die 8000 jährlich. Die Situation ist dramatisch", meint er

Zellen "unzukömmlich"

In heimischen Gefängnissen und Arrestzellen komme es "immer wieder zu Unzukömmlichkeiten", berichtete indes der Vorsitzende des Menschenrechtsbeirats Gerhart Holzinger am Donnerstag. Die Ausstattung von Anhalteräumlichkeiten sei teilweise "in extremem Ausmaß nicht entsprechend", zog Holzinger nach zwei Jahren Beiratstätigkeit Bilanz. So hätten in Wiener Neustadt, Klosterneuburg und dem Tiroler Ort Kitzbühel Zellentrakte auf behördliche Anordnung hin geschlossen werden müssen. (Irene Brickner, DER STANDARD Print-Ausgabe 17.August 2001)

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