Unter Haien

16. August 2001, 21:46
posten

Sie beißen zu, wo sich ein Klient bewegt

Sharks." Haie - sie beißen zu, wo sich ein Klient bewegt. Sie schnappen nach jedem Mandat, das sich irgendwo bietet. Wer jemals in einem US-Telefonbuch das Stichwort "Lawyers" aufgeschlagen hat, kann nachvollziehen, warum die Amerikaner ihre Rechtsanwälte landläufig nach gefräßigen Raubfischen nennen. So offensiv wird nirgendwo sonst um vertretungsbedürftige Kundschaft geworben: "Wrongful death - Tod durch Fremdverschulden. 100-prozentige Chance auf Schadensersatz. Bei Misserfolg kein Honorar fällig."

So betrachtet sind die hiesigen Advokaten kleine Fische. Und Edward D. Fagan scheint einer jener "großen Weißen" zu sein, die sich gelegentlich an die Gestade Europas verirren. Dementsprechend ist auch seine Beute: Fagan vertritt Kaprun-Hinterbliebene, setzt sich für BSE-geschädigte Bauern ein, will Temelín-Gegner juristisch beraten, springt Lipobay-Opfern bei. Und alle seine Mandate sollen vor US-Gerichte, damit genügend Schadensersatzmillionen herausspringen.

Das mag für Kläger und US-Anwälte (Erfolgshonorar: nicht selten 50 Prozent der zugesprochenen Summe) verlockend sein. Allein, wer garantiert, dass amerikanische Gerichte die Causae auch aufnehmen? Das ist auch bei einem gewissen "Justizimperialismus" der USA (Rechtsprofessor Willibald Posch) ziemlich unwahrscheinlich. Erst recht, wenn immer mehr der über 300.000 US-Advokaten in Europa Kunden zu keilen beginnen.

Jetzt ist Ed Fagan noch einer der Ersten im europäischen Geschäft. Noch reichen ein paar spektakuläre Ankündigungen für Publicity und immer neue Klienten. Irgendwann wird aber auch Fagan Erfolge bieten müssen, die über Anhörungen an irgendeinem Distriktsgericht hinausgehen. Auch ein US-Anwalt braucht - so wie ein Hai das Wasser - gewonnene Verfahren. (Christoph Prantner, DER STANDARD Print-Ausgabe 17.August 2001)

Share if you care.