Extra Spiele vor dem Chefwechsel

16. August 2001, 21:32
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Noch vor Amtsantritt pflegt neuer Vorstandschef Springer-Tradition des Köpferollens

Die künftige Führung des Springer-Verlags setzt erste Taten: Zum Entschluss für einen Markttest der Billigzeitung Extra kommen konkretere Formen bei der Kooperation zwischen T-Online und der Onlinetochter von Springer. Die deutschen Branchenriesen wollen eine gemeinsame Onlinevermarktung gründen. Springer soll 63 Prozent halten.

Der designierte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner hat bei seinem Eintritt in den Vorstand vor einem Dreivierteljahr "Internet, Internet, Internet" als Credo ausgegeben. Springer-Vermarkter interactive media aber zählt zu den Sorgenkindern des Verlags. Bei Bild.de kooperieren Springer und T-Online schon. Beide erwarten sich so Zugang zu neuen Zielgruppen.

Das versucht Springer auch mit Extra, das Leser unter 30 Jahren ansprechen soll und im Markttest Mitte September nur umgerechnet 3,50 Schilling kostet (DER STANDARD berichtete). Döpfner hat das Projekt gegen entschiedenen Widerstand von Großaktionär Leo Kirch durchgesetzt.

Auch in der Medienbranche gilt das Projekt als teure Spielerei. Döpfner denkt auch mit Blick auf die Konkurrenz um jüngere Leser: Ihnen gilt auch die im Herbst startende Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Ausgewertet wird das Extra-Projekt wohl schon von anderen: Döpfner wechselt voraussichtlich zu Jahresbeginn auf den Posten des Vorstandschefs.

Personalien waren es bisher auch, mit denen Döpfner für Schlagzeilen sorgte. Vertraute setzte er noch vor Amtsantritt an die wichtigsten Stellen: Zeitschriftenvorstand Andreas Wiele, der auch das Auslandsgeschäft leitet, sowie die Chefredakteure Wolfram Weimer (Welt), Thomas Garms (Welt am Sonntag) und Claus Strunz (Bild am Sonntag) . Eine Position ist vakant: Finanzvorstand Ralf Kogeler musste wegen Differenzen mit Döpfner den Hut nehmen. Nachfolger: noch unbekannt.

Ziele im Ausland

Der Finanzvorstand gilt als Schlüsselposition, weil ihm eine zentrale Aufgabe bei der zukünftigen Strategie von Springer zukommt. Vom führenden deutschen Verlagshaus zum internationalen Medienkonzern lautet die neue Maxime. Der Verlag, der bei einem Gesamtumsatz von 5,7 Milliarden im vergangenen Jahr 4,5 Milliarden DM im Printgeschäft erwirtschaftete, muss seine Abhängigkeit von diesem Sektor verringern. Auch der fürs Auslandsgeschäft angepeilte Wert von 30 Prozent am Gesamtumsatz ist mit bescheidenen 14,8 Prozent weit entfernt. In Österreich etwa gehören Springer 65 Prozent an der Tiroler Tageszeitung und 51 am Sportmagazin-Verlag. Um die Mehrheit an trend und profil bot man zuletzt erfolglos mit.

Auch das TV-Engagement bei der ProSieben-Sat.1-Familie macht dem Konzern Sorgen, nicht zuletzt wegen der schlechten Quoten bei der Sat.1-Fußballsendung "ran".

Wenn Döpfner August (Gus) Fischer nachfolgt, dann räumt er auch den Posten des Multimedia-Vorstandes. Immerhin muss hier keine Abfindung gezahlt werden.

Der für seine "Hire and Fire"-Politik bekannte Verlag hat nach Branchenberechnungen in den vergangenen zehn Jahren zumindest an die 500 Millionen Schilling (36 Mio. EURO) für Abfindungsgelder ausgegeben: Der Verschleiß von fünf Vorstandsvorsitzenden und 16 Vorständen seit 1990 ist Rekord in der deutschen Medienbranche.

Zumindest hier hat Döpfner keine Trendwende eingeleitet. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.8.2001)

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