Manna für Jungunternehmer

16. August 2001, 19:53
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In Silicon Valley ist das Risikokapital fast ausgetrocknet - Jetzt sind Engel gefragt

Sie nennen sich "Band of Angels". Frei übersetzt wäre das ein Club von Engeln. Doch was sich da an einem perfekten Juliabend im Country-Club von Los Altos einfand, erinnert auf den ersten Blick kaum an himmlische Geschöpfe. Es waren samt und sonders Männer mittleren Alters, in Anzügen und Dinnerjackets. Cocktails in der einen Hand, Visitenkarten in der anderen, werden Witze gerissen, über das Auf und Ab der Börse lamentiert und ohne falsche Scham bezeugt, dass man eigentlich nicht so genau wisse, wer die Präsentatoren des Abends sind.

Letztere sind das genaue Gegenteil zu den launigen Engeln. Ernsthaft um einen guten Eindruck bemüht, geben drei Start-up-Unternehmer eine kurze Präsentation ihrer Firma. Genau wissend, dass das Wohl und Wehe derselben möglicherweise von diesem Abend abhängt. Die drei Firmenchefs müssen überzeugend ihr Produkt verkaufen, auf dass es später Manna, sprich Investitionen, von den Silicon-Valley-Engeln regnet.

ein Kinderspiel ...

Noch vor zwei Jahren wäre das ein Kinderspiel gewesen. Zu den Hoch-Zeiten der New Economy rissen sich die professionellen Risikokapitalgeber, die Venture-Capitalists (VC), um jedes Start-up-Unternehmen, das nur den Anschein von Erfolg aufwies. Die Angel-Investoren, die meist mit Kapital unter einer Million Dollar noch vor VCs einsteigen, waren zwar gefragt, aber kaum vonnöten.

Heute hat sich das Bild dramatisch gewandelt. VCs sind nicht mehr bereit, ihr Geld in halbgare Geschäftspläne zu investieren. Insgesamt ist die Branche derart vorsichtig geworden, dass für die meisten Jungunternehmer die Chance auf Risikokapital auf null gesunken ist. "Selbst wenn Gott hier reinspazieren würde, würde er kein Geld von den VCs erhalten", lautet ein viel zitierter Spruch in Silicon Valley.

Start-up statt Kasino

Kein Wunder, dass Angels wie Robert Peters populärer denn je sind. Peters hat sein Vermögen mit Cisco gemacht und nimmt an den monatlichen Abendessen der Runde nur noch gelegentlich zwischen Aufenthalten in Palm Springs oder Lake Tahoe teil. Viele Angel-Investoren sind wohlhabende Pensionäre, die, so formuliert es Gründer und Club-Vorstand Hans Severiens, "ihre Schäflein im Trockenen haben" und statt ins Kasino zu gehen ihr Geld mit Start-ups verspielen. Oberengel Severiens selbst muss weiterhin für sein Geld arbeiten, aber hat auch seine Träume. "Einmal war ich drauf und dran, aus 50.000 Dollar zwei Millionen zu machen", sagt der gebürtige Holländer. Der Internetcrash machte auch ihm einen Strich durch die Rechnung.

Investitionsrückgang

Wie harsch die Lage ist, zeigt die Statistik. Zum ersten Mal in der Geschichte rutschten Risikokapitalgeber in die Miesen. Landesweit gingen zwischen April und Juni 2001 Investitionen um 61 Prozent nach.

Doch die Angels zeigen sich langfristig optmistisch. Zumindest Fred Hoar, Mitbegründer und PR-Spezialist des Clubs, der die Runde mit heiteren Sprüchen aufwärmt. "Was sind die drei Lager an der Wall Street? Bären, Bullen und die Verwirrten." Über Spargelspitzen und Roastbeef erhält er freundlichen Applaus. Die vorgestellten Firmen selbst sind eine bunte Mischung: Softwareunternehmen ZNOW, das auf der Suche nach einer weiteren Million ist. Mach Energy, das, im Energiebereich tätig, seinen Kunden energiesparende Software verspricht. Sowie Shazam Entertainment aus London, dessen ausgeklügelte Technik Musiktitel über das Handy identifiziert, was jedoch bei den älteren Herren mehr Skepsis als Enthusiasmus auslöst.

Enthusiasmus ist auch bei Engeln rarer geworden. Konnten zuvor zwei von drei Präsentatoren auf Geld hoffen, so gehen nun meist zwei leer aus. Gleichzeitig jedoch, versichert Severiens, seien die "Deals" qualitativ besser geworden. Während seines siebenjährigen Bestehens hat der 150-köpfige Club rund 90 Mio. Dollar in 135 Firmen gesteckt. Insgesamt pumpten die nordamerikanischen Angel-Investoren, deren Zahl auf 400.000 geschätzt wird, rund 40 Milliarden Dollar in Start-ups. (STANDARD-Korrespondentin Rita Neubauer aus Los Altos)

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    foto: photodisc
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