Ein Kernkraftwerk im neuen Rom

20. August 2001, 10:18
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Peter Sloterdijk über Europas Doppel- Dramaturgie: Reichs- und Wunschnachahmung

Alpbach - Der Philosoph und Entertainer Peter Sloterdijk stellte in seinem Eröffnungsvortrag beim Europäischen Forum eine "Europäische Dramaturgie" vor. Sie besteht aus einem "alteuropäischen und einem neueuropäischen" Teil, unter deren Wirkung "Europa zu einem zusammengesetzten Stück" werde, das "sich selbst inszeniert".

Kurz gefasst - also unter Weglassung der den Hauptteil ausmachenden wunderbaren Wortschöpfungen, Belesenheitsbeweise und Assoziationsakrobatikvorführungen - wollte Sloterdijk uns sagen: Die "alteuropäische Dramaturgie" besteht in der Idee einer ständigen "translatio imperii", einer fortgesetzten Neuinszenierung des römischen Stückes. Zunächst übertragen vom Reich auf die Kirche, manifestierte sich das Imperium lange Jahrhunderte im mitunter wackeligen "Heiligen Römischen Reich", 1806 unterbrach Napoleon die Kette, die als Parallelaktion inszenierte habsburgisch-kakanische Variante endete 1918.

Die Pointe dieser - schon im 1994 erschienenen Essay "Falls Europa erwacht" angeklungenen - Dramaturgie besteht darin, dass am Ende eine "transatlantische ,translatio'" stattfand: "Wer heute Europa verstehen will, muss Amerika- nist werden", sagt Sloterdijk, eine abermalige Rückübertragung ist aber nicht ausgeschlossen.

Die "neueuropäischen" Dramaturgie ist von der Arbeit des Kulturanthropologen René Gi- rard inspiriert und beruht auf der Idee, "dass es gelingen kann, ganze Populationen mit- hilfe von positiven Paniken und diskreten Eifersuchtsmechanismen zu mobilisieren und in Wettbewerbe zu verstricken". Solche "Begehrens-oder Appetitpaniken" mit ihrer Dynamik von Anstachelung und Eindämmung kenne die, so Sloterdijk, "naive Terminologie" der Volkswirtschaftslehre als "Marktmechanismus". Die europäische "Wunschmaschine" funktioniere wie ein Kernkraftwerk: Das Genießenwollen sei der Brennstab, die egalitäre Rhetorik des Massenkonsums das Kühlsystem: "Wie die thermo- nuklearen Reaktoren auf gebremsten Kettenreaktionen beruhen, so die genussmimetischen Gesellschaften auf gebremsten Kämpfen um teilbare und unteilbare Vorzüge."

Der GAU kündigt sich in Form der Wut an, die dort entsteht, wo "die Schere zwischen den popularisierbaren und den nicht popularisierbaren Gütern" größer wird. Hans Magnus Enzensberger hat davon in seinem Essay "Aussichten auf den Bürgerkrieg" einen Vorgeschmack vermittelt. Für Sloterdijk hat die "Massenkultur" die Aufgabe, "diese Wutpotenziale aufzufangen und in außerpolitischen Abreaktionen zu verbrauchen".

Am Ende treffen sich Reichs- und Wunschnachahmung wieder: Europa, sagt Peter Sloterdijk, sei zu verstehen als Addition der römischen Reichsidee und der Römischen Verträge von 1957.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19. 8. 2001)

Von
Michael Fleischhacker

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