Die Kunst des geschliffenen Wortes

20. Oktober 2003, 17:33
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Rhetorische Fähigkeiten sind für die Karriere unumgänglich

Demosthenes schrie vor 2500 Jahren mit Kieselsteinen im Mund gegen die Meeresbrandung an, um seinen Sprachfehler wegzutrainieren. Anschließend stand seiner politischen Laufbahn nichts mehr im Weg. Cicero schaffte es, allein durch seine rhetorischen Fähigkeiten zu höchsten Staatsämtern aufzusteigen. Gute Ideen allein reichen nicht, sie auch vermitteln zu können, ist das Geheimnis des Erfolgs.

Vernachlässigte Redekultur

Die Kunst des Redens lag im deutschsprachigen Raum sehr lange brach. Während englische Schüler in Debattier-Clubs am freiem Vortrag feilten und amerikanische Highschools Rhetorik als Disziplin anerkannten, kam hierzulande niemand auf die Idee, der Redekultur einen höheren Stellenwert beizumessen.

Defizite

Das mangelnde Verständnis für die rhetorische Ausbildung der Jugend führte jedoch zu massiven Defiziten. Denn das menschliche Gehirn funktioniert üblicherweise nur bis zu dem Zeitpunkt, wo jemand aufstehst, um eine Rede zu halten. Diesen Satz Mark Twains können in unseren Breiten viele Karrieristen unterschreiben. Sei es ein einfacher Angestellter oder ein Manager: wenn es darum geht, ein Thema zu präsentieren oder eine kurze Ansprache zu halten, spüren sie den berühmten Kloß im Hals, werden von Lampenfieber und Redeangst gefangen genommen.

Erlernbar

Da nur den wenigsten überzeugendes Auftreten angeboren ist, können wir uns mit der Tatsache trösten, dass die Kunst der geschliffenen Worte erlernbar ist.

Selbstpräsentation

  • Lampenfieber

    Lampenfieber zu haben, ist nicht negativ, wenn man es zu nutzen weiß! Das unangenehme Gefühl ist nämlich mit einem Adrenalinstoß verbunden, der uns zu Höchstleistungen anspornt. Wer Lampenfieber verspürt, hat es leichter zu überzeugen. Denn schon der katholische Kirchenlehrer Augustinus wusste: "In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst."

    Gegen übermäßige Nervosität hilft nur eine gute Vorbereitung. Wer geübt hat, was auf ihn zukommt und wie er darauf reagieren wird, braucht sich nicht mehr zu fürchten. Unerlässlich ist auch die Definition der Rolle, aus der heraus man sprechen wird. Wer davon ausgeht, eine unterwürfige Rolle spielen zu müssen – beispielsweise als Bewerber in einem Vorstellungsgespräch – hat große Schwierigkeiten, einen selbstbewussten Eindruck zu hinterlassen. Um diesem psychologischen Spielchen nicht auf den Leim zu gehen, muss die Rolle neu definiert werden. Wer also den Gedanken "Ich bin ein kleines Würstchen, das einen Job sucht" ablegen kann und statt dessen den Satz "Jedes Unternehmen kann sich glücklich schätzen, wenn ich für sie arbeite" im Hinterkopf hat, hat schon gewonnen. Die veränderte Rollendefinition funktioniert natürlich auch vor einer Rede. Kein "Ich weiß genau, dass ich bei diesm öffentlichen Auftritt versagen und mich schrecklich blamieren werde", sondern "Auch wenn es mich Überwindung kostet, werde ich diese einmalige Karrierechance nutzen und meine Kompetenz beweisen."

  • Körpersprache

    Die Körperhaltung sagt alles darüber aus, wie Sie sich gerade fühlen. Wenn die anderen nicht sehen sollen, dass Sie wahnsinnige Angst haben, dann gehen Sie unbedingt aufrecht und locker. Betreten Sie den Raum mit Selbstsicherheit und einem normalen, raumgreifenden Schritt. Während der Rede, vorallem wenn Sie gerade Ihren Standpunkt darlegen, stellen Sie sich weder zu schmal (Zeichen von Unsicherheit) noch zu breitbeinig hin (Dominanzstreben). Um ein Argument zu unterstreichen, dürfen Sie ruhig auch einen Schritt nach vor wagen.

    Unbedingt zu beachten ist außerdem der Blickkontakt, sowohl, wenn Sie selbst sprechen, als auch wenn Ihr Gesprächspartner etwas sagt. Diese Geste zeugt von Sicherheit und Aufmerksamkeit. Ganz das Gegenteil sagt der Griff an die Nase, den Mund oder ans Kinn. Dies sind Anzeichen für Verlegenheit. Der Griff ans Ohr ist ebenfalls verboten, wenn das Gegenüber etwas Unangenehmes sagt. Psychologen und Verhaltensforscher deuten den Griff ans Ohrläppchen als Bestrafungsgeste – Sie zeigen, dass Sie dem anderen diese Aussage übel nehmen.

    Altbekannt ist, dass das Verschrenken der Arme vor der Brust ein Anzeichen für Verkrampfung und Unsicherheit ist. Die Hände in die Stuhllehnen zu krallen, ist keine Alternative. Besser ist es, sich dem Gesprächspartner zuzuwenden, ohne ihm allerdings zu nahe zu kommen.

  • Persönlichkeit

    "Suche keine Effekte zu erzielen, die nicht in deinem Wesen liegen", sagte schon Kurt Tucholsky. Sich zu verstellen bzw. anders zu sein, überzeugt das Publikum nicht. Sich dem großen Vorbild (eventuell dem Chef) anpassen zu wollen, kann auch peinlich sein - vor allem wenn man das Original kennt. Zuhörer haben ein natürliches Gespür für eine solche Show. Den einzigen Effekt, den man erzielt, ist unglaubwürdig zu wirken. Sich mit Selbstbewusstsein so zu präsentieren, wie man ist, ist ehrlicher und wird den Vorgesetzten überzeugen, der zu Ihnen passt.

Die Rede

  • Thema
  • Vorbereitung
  • Aufbau
  • Sie-Standpunkt
Handwerkszeug

  • Verständlichkeit
  • Emotionalität
  • Visualisierung
  • Redelänge
  • Redepraxis
  • Starker Abgang
(red/Quelle:www.focus.de)
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