Schlag nach bei Lenin

16. August 2001, 19:41
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Chinas Altlinke mucken gegen neue Parteilinie auf - In der KP China geht es rund

Chinas Kommunismusforscher durften Überstunden machen. Sie mussten das Gesamtwerk von Karl Marx und Friedrich Engels sowie Lenins Nachlass durchforsten, um die Stellen zu finden, in denen die Urväter des Marxismus Teile ihrer Lehre für verbesserungsfähig erklärten und damit grünes Licht für künftige Neuinterpretationen gaben. Chinas größte Tageszeitung, das Parteiorgan Renmin Ribao, veröffentlichte auf der Titelseite jetzt ihre Ausbeute als neuen Zitatenschatz.

Auftraggeber war Parteichef Jiang Zemin, der mit seiner neuen Theorie ("Die Lehre von den drei Vertretungen") in Anspruch nimmt, den Marxismus weiterzuentwickeln und in Erklärungsnot geraten ist. Die Feststellung von Engels 1895, die "gesamte Weltanschauung Marxens ist kein Dogma, sondern eine Methode", kommt ihm gerade recht. Jiang hatte am 1. Juli zum achtzigsten Gründungstag der Kommunistischen Partei zur neuen marxistische Methode erklärt, dass die Partei auf ihrem "langen Weg" zum Kommunismus neben dem Proletariat auch Unternehmer als Mitglieder aufnehmen sollte.

Für die Altlinken in der Partei war das zu viel. Sie warfen ihrem Parteichef in offenen Briefen Verrat am Marxismus-Leninismus und an der Arbeiterklasse vor. Die orthodoxen Funktionäre wollen ihren Protest im September in die Sechste Plenartagung des Zentralkomitees einbringen und hoffen, ZK-Mitglieder gegen Jiangs neue Theorie aufzubringen. Der erboste Parteichef, der am Freitag 75 Jahre alt wird, lässt seither zum Gegenangriff gegen die rebellischen Dogmatiker trommeln.

Jiangs 1.-Juli-Rede wurde in einer Auflage von drei Millionen Exemplaren unters Volk gebracht. Parteichefs aus allen Provinzen und Militärs müssen in der Presse täglich Loyalitätserklärungen abgeben. Die orthodoxen Linken aber müssen sich warm anziehen. Ihre Webseiten, auf denen sie ihre Protestschreiben öffentlich machten, wurden im Internet gesperrt.

Nicht mehr erscheinen

Auch eine ihrer drei theoretischen Zeitschriften wurde verboten: Die Redakteure bei der seit elf Jahren in Peking zuletzt mit 10.000 Exemplaren monatlich erscheinenden Suche nach der Wahrheit (Zhenli De Zhuiqiu) erfuhren Anfang der Woche, dass sie "bis auf weiteres nicht mehr erscheinen darf". Die Zeitschrift hatte die Theorie von Parteichef Jiang seit Januar attackiert.

Das Maß war voll, als nicht nur pensionierte Altgenossen, sondern in der Mai-Nummer aktive Funktionäre wie der Vizeparteisekretär der Provinz Jilin, Lin Yanzhi, die Partei zur Kontrolle der "neuen Bourgeoisie" aufriefen.

Die Isolierung der Linken wurde systematisch vorbereitet. Zuerst ließ Propagandachef Ding Guanggen Ende Juli Fernsehen, Rundfunk und Presse verbieten, über die offenen Briefe zu berichten. Dann erschienen Leitartikel in der Armeezeitung Jiefang Jun- bao gegen die "falschen Meinungen einiger Genossen". Und nun hat Chinas Parteiführung Marx, Engels und Lenin in den Zeugenstand rufen lassen. "Ihre ausgewählten Zitate sollen uns helfen, dass wir uns mit Denken und Handeln hinter die 1.-Juli-Rede des Genossen Jiang Zemin stellen können", schreibt die Volkszeitung. Marx wird mit seiner Aussage von 1842 zitiert, dass eine "korrekte Theorie mit der Praxis verbunden sein muss". Engels gesteht 1873, dass "unsere Erkenntnisse an unsere Zeit gebunden sind".

Was würden Marx und Engels erst heute, 153 Jahre nach dem Erscheinen des Manifestes, alles für überholt halten, wo Marx schon in seinem dritten Band des "Kapital" im Aufkommen von Aktienkapital eine Verdrängung der privaten Aneignung gesehen hatte? Am Ende der Zitatensammlung erhält Lenin das Wort, warum (1921) die Sowjetunion wieder "einen Schritt" zum Kapitalismus zurück müsse, um wirtschaftlich auf die Füße zu kommen. Lenins Warnungen vor renitenten sowjetischen Ultralinken, die das partout nicht verstehen wollen, passen auffallend gut auf das heutige China. (DER STANDARD, Print, 17.8.2001)

STANDARD-Korrespondent Johnny Erling aus Peking
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