Lipobay: Bayer rechnet mit mehr Todesfällen

17. August 2001, 22:57
posten

Konzernleitung: "Klagen sind unbegründet"

Leverkusen - Der deutsche Chemie- und Pharmakonzern Bayer rechnet mit dem Bekanntwerden weiterer Todesfälle im Zusammenhang mit dem vom Markt genommenen Cholesterin-Medikament Lipobay/Baycol. "Wir dürfen davon ausgehen, dass sich die Zahl erhöht, da die Sensibilität durch die Berichterstattung erhöht wurde", sagte ein Konzernsprecher am Freitag. Bisher seien dem Unternehmen 52 Todesfälle von Patienten bekannt, die das Medikament eingenommen haben.

Die Konzernleitung wies Vorwürfe des Bundesgesundheitsministeriums zurück, Bayer habe die zuständigen Stellen zu spät über die Probleme informiert. Laut Staatssekretär Klaus Theo Schröder ist für so ein Fehlverhalten eine Bußgeldzahlung bis zu 50.000 D-Mark (25.565 Euro/ 351.776 Schilling) vorgesehen.

Der Firmengruppe steht wegen des vor gut einer Woche vom Markt genommenen Medikaments möglicherweise eine weltweite Klagewelle bevor. Auslöser waren Meldungen über Fälle von Muskelschwäche nach der Einnahme des Medikaments, die unter Umständen zu Organversagen und zum Tod führen kann.

Sammelklage

Der US-Anwalt Ed Fagan und sein Münchener Kollege Michael Witti wollen nach eigenen Worten Geschädigte aus aller Welt in eine Sammelklage in den USA einbeziehen. Erst am Donnerstag hatten Bayer-Sprecher bekräftigt, dass die Konzernführung die Klagen für unbegründet halte und sich dagegen zur Wehr setzen werde. Es sei noch kein kausaler Zusammenhang zwischen Lipobay-Einnahme und Todesfolgen nachgewiesen. Daher sei es auch nicht nötig, Rückstellungen für eventuelle Zahlungen zu bilden.

An der deutschen Börse legte der Kurs der Bayer-Aktie nach den starken Einbrüchen seit der Rücknahme des Medikaments am Freitag wieder etwas zu. Zur Verschiebung des ursprünglich für den 26. September geplanten Börsengangs in den USA erklärten Bayer-Manager, Vorrang habe jetzt die Überarbeitung der Pharma-Strategie des Konzerns. Als neuer Termin gilt Anfang Februar 2002.

In den USA raufen sich inzwischen die großen Pharmafirmen um den Marktanteil von Lipobay/Baycol. Auf ganzseitigen Einschaltungen in den großen Tageszeitungen werben sie für ihre eigenen Cholesterinsenker. Bristol-Myers und Novartis locken mit ein- und zweimonatigen kostenlosen "Schnupperangeboten". (dpa/Johanna Geissler, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.08.2001)

Share if you care.