Radikalismus des Elitären

21. August 2001, 12:33
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Diese Geschichte über eine Auto-Auktion hätte eigentlich den Titel "Kurven zum Preis EINES Eigenheims" haben sollen. Doch nach Bekanngabe der Erlöse kam alles anders. Die Ansichtssache klärt, warum.


Angesichts mancher Formen braucht frau gar kein Einfühlungsvermögen, um zu verstehen: Gegen poetische Ästhetik, gepaart mit zeitloser Eleganz, ist man(n) machtlos. Die Rede ist von jenen hochnoblen Karossen, bei denen man die Herkunft von der Pferdekutsche manchmal noch als silbrigen Hauch der Erinnerung erahnen kann.

Millionenschäume

Um derartige Fantasien auszuleben, muss das nötige Kleingeld verfügbar sein. Eine durchaus vernünftige Empfehlung, für deren Realisierung nicht erst einmal der Überziehungsrahmen bemüht wurde. Sagt man(n) - und frau und markierte den 19. August in der Agenda. Am vergangenen Sonntag versteigerte Christie's knapp 90 Millionenträume auf vier Rädern, Renn- und Sportwägen der Extraklasse.

Sklaverei der Leidenschaft

Ort des Geschehens war das legendäre Pebble Beach auf der Halbinsel Monterrey, 120 Meilen (gut 190 Kilometer) südlich von San Francisco und 360 Meilen nördlich von Los Angeles. Ein Teil der Auktion wurde mit den Autos der Sammlung Patrick S. Ryan bestritten (Lose 13 bis 30), der aber noch 25 Autos behält. Er trennte sich von den anderen, um "etwas weniger Sklave meiner Leidenschaft" zu sein.

Böse Gifte

Der Index am Ende des 240-seitigen Katalogs liest sich wie eine Liste böser Gifte für Sportwagen-Suchtgefährdete. Selbst stärksten Charakteren sei Vorsicht geraten: Von A wie Aston Martin DB 3S - aus dem Jahr 1956, von dem nur 31 Stück gebaut wurden und der in diesem Fall Hauptdarsteller des britischen Rennfahrerfilms Checkpoint (1957) war - bis W wie Watson Roadster, der 1959 die "Indy" (Indianapolis) 500 gewann.

Wir gratulieren

Zu den Versteigerungserlösen und damit zur ersten Watschn mitten ins Gesicht: Als absoluter Megaseller entpuppte sich ein Mercedes-Benz 540K von 1937. Sein Käufer, ein US-amerikanischer Privatier, darf Christie´s satte 1,051.000 Dollar (ATS 15,786.600) überweisen. Wir gratulieren auch an dieser Stelle sehr herzlich.

Fünfundfünfzig Eigentumswohnungen

Am Ende der Top Ten rangiert ein Duesenberg Modell J Sports Sedan mit $380.000 (ATS 5.707.798), Baujahr 1930/31. Dazwischen parkten sich unter anderem mehrere Ferraris, ein Bugatti, der besagte Watson Roadster und der älteste noch erhaltene Rolls-Royce 40/50 HP von 1907 ein.

Der Gesamterlös des etwas bizarren Autobazars betrug exakt 11,086.748 Dollar, umgerechnet 166,947.900 Schilling. Um sich den herb-bitteren Betrag einmal auf der Zunge zergehen zu lassen: Eine schicke Eigentumswohnung kostet drei Millionen, derer 55 ließen sich um diese Summe anschaffen. Plus eine nette Garage um die restlichen paar Zerquetschten.

Radikalität des Elitären

Angesichts dieser Summen nun etwas geknickten ZeitgenossInnen sei folgende Weisheit eines Oldtimer-Insiders mit auf den Weg gegeben: Das Elitäre dieser Autos ist weniger ihr Preis in der Größenordnung mehrerer Millionen Dollar, sondern die Radikalität, mit der diese Autos Nichtfanatiker von ihrer Nutzung ausschließen. Schön.

Mit diesem Haiku auf den Lippen werden wir ab morgen den Versteigerungs-Katalog als Briefbeschwerer für alle gewissenhaft gesammelten Mietvorschreibungen verwenden.

Von Olga Kronsteiner
und Kommunikaze

ANSICHTSSACHE

Christie´s at Pebble Beach oder die Radikalität des Elitären

LINKS

Christie´s London

Christie's International Motor Cars Ltd (USA)

Fotos: Katalog "Christie´s at Pebble Beach, Exceptional Motor Cars"

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