"Was ist ein Frosch? Ist er weiblich oder männlich?"

16. August 2001, 18:52
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Regisseur Hans Neuenfels über die mit Spannung erwartete "Fledermaus"

Bei den Salzburger Festspielen feiert "Die Fledermaus" Premiere. Regisseur Hans Neuenfels verfasste für seine mit Spannung erwartete, politisch brisante Version neue Dialoge. Und zeigt, wie er im Interview erklärt, Details einer kaputtgegangenen Welt.


Salzburg - So könnte sich auch der angeschlagene Eisenstein über die Bühne schleppen. Denn ein Insekt infizierte Hans Neuenfels mit Streptokokken, die seine rechte Extremität in einen Klumpfuß verwandelten. Von solch sommerlichem Unbill lässt sich der 1941 in Krefeld geborene Regisseur jedoch nicht beeindrucken. Mit ungebrochenem Elan arbeitet er an seinem Operettendebüt: Die neue Salzburger Festspiel-Fledermaus, die am Freitag in der Felsenreitschule ihre Premiere erlebt, verspricht einige Ungewöhnlichkeiten.

STANDARD: In jüngster Zeit war Die Fledermaus selten als ungebrochener Karnevalsschwank zu sehen. Werden auch Sie einen Tanz am Rande des Abgrunds zeigen?

Neuenfels: Na sicher. Aber natürlich mit all den Komplikationen, die so ein Tanz mit sich führt. Deshalb haben wir Die Fledermaus auch vom Libretto her anders betrachtet. Nicht als witzige Aktualisierung - die musikalische Struktur wurde nicht nur beibehalten, sondern genau analysiert, um daraus resultierend die Verhältnisse der Personen zueinander in ein neues Spannungsverhältnis zu setzen.

STANDARD: Betreffen diese Veränderungen des Librettos nur die gesprochenen Szenen oder auch die Couplets?

Neuenfels: In den Couplets verändern sich die Texte nicht, aber dadurch, dass die Figuren in den Dialogstrecken anders angelegt werden, ergeben sich trotzdem ganz andere Konstellationen. Einen Großteil der Dialoge habe ich selbst geschrieben, aber dann gibt es auch Einfügungen von Autoren wie Karl Kraus, Gottfried Benn oder Hugo Ball.

STANDARD: Auf die Bühne der Felsenreitschule wurde ein Logentheater gebaut, davor steht eine Kutsche, die auf die Entstehungszeit der Operette schließen lässt. Spielt die Handlung bei Ihnen im Kontext des 19. Jahrhunderts?

Neuenfels: Sie spielt weder im Kontext des 19. Jahrhunderts, noch wird sie in eine andere Zeit transferiert - es ist ein unglaublicher Scherbenhaufen von Begriffen, von Empfindungen, von Zeichensetzungen, von Zitaten. Also eine zersplitterte Collage, die immer wieder historische, soziologische und psychologische Bezüge zu der Zeit aufblitzen lässt, in der das Genre entstand. Details einer kaputtgegangenen Welt, die sich sucht und beschwört, die es als heile vielleicht nie gegeben hat, der wir aber alle nachtrauern wie der Kindheit.

STANDARD: Lösen Sie die Figuren aus den sozialen Zusammenhängen der Monarchie?

Neuenfels: Die Zeit verengt sich natürlich. Was mich sehr interessierte, war die Form des latenten Faschismus. Damit meine ich den unzufriedenen Bürger, der sich eine Erhöhung seines Bürgertums wünscht und deswegen gegenüber einer Idee anfällig ist, die Orlofsky verkörpert, in dessen Palais diese vermeintliche Erhebung im Rausch Wirklichkeit wird. Dort kann sich Eisenstein ausleben, auch in einem geistigen Sinne: Denn seine Träume zielen nicht nur auf junge Mädchen, sondern auf den Sinn des Lebens schlechthin.

STANDARD: Ist dieser Prinz Orlofsky also so etwas wie eine allegorische Figur?

Neuenfels: Ja, so wie der Frosch. Aber auch die anderen Personen beschreiben gleichnishaft bestimmte Verhaltensweisen. Deshalb ist das nie ein naturalistisches Sittengemälde, sondern immer eine Parabel.

STANDARD: Diese Figuren sind bei Ihnen ungewöhnlich besetzt: Den Orlofsky singt der Jazzmusiker David Moss, den Frosch spielt Ihre Frau Elisabeth Trissenaar. Welcher Hintersinn steckt darin?

Neuenfels: Der Hauptgrund ist, dass man sich zuallererst fragt: Was ist ein Frosch? Ist er weiblich oder männlich? In diesem Sein-und-Schein-Austausch, der in dieser Operette stattfindet, stellt sich natürlich die Identitätsfrage: Wer ist eigentlich wer?

STANDARD: Die Handlung ist großteils durch den Moralkodex des 19. Jahrhunderts motiviert. Wie gehen Sie damit um?

Neuenfels: Strauß hat die bis heute wirksame Bigotterie der Zweierbeziehung ganz krass benannt - das ist eine ungeheure Qualität des Stücks: Denn der Begriff der Familie hat sich ja bis heute erhalten und dementsprechend die Verpflichtungen, und wir haben ja keine starken Gegenentwürfe in der Erotik. Zudem darf man nicht vergessen, dass alle Personen von geheimen Wünschen getrieben werden. Hinter dem trivialen "Duidu" des zweiten Akts verbergen sich ja Bekenntnisse zu Wünschen und Sehnsüchten. Die darf man nicht weglachen, denn sonst denkt sich der Zuschauer: "Ich bin ja viel klüger als die, die da oben stehen" - und das finde ich nicht.

STANDARD: "Glücklich ist, wer vergisst" könnte eigentlich der Beginn der österreichischen Nationalhymne sein. Werden Sie auch Bezug nehmen auf die jüngste, von solchem Vergessen beseligte politische Entwicklung in Österreich?

Neuenfels: Darum kommt ja gar nicht herum! Man muss nicht anspielen darauf, denn das ist dem Stück immanent. Diese politische Entwicklung, auch in Italien, muss man als Regisseur mitdenken, sonst ist man für Theater nicht sonderlich tauglich.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 8. 2001)

Von
Reinhard Kager

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