Laut Bayer waren schwere Lipobay-Nebenwirkungen nicht erkennbar

16. August 2001, 16:53
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Vor der Einführung an 2.500 Patienten erprobt

Leverkusen/Berlin - Die schweren Nebenwirkungen des Cholesterinsenkers Lipobay/Baycol waren nach Ansicht des Pharmaherstellers Bayer nicht aus den vorgeschriebenen Tests vor der Marktzulassung erkennbar. Vor der Einführung habe Bayer das Medikament in 50 Studien mit zusammen 2.500 Patienten erprobt, sagte Bayer-Sprecher Michael Diehl am Donnerstag.

Sammelklage

Verbraucherschützer forderten eine verbesserte Überwachung von Arzneimitteln. Zuvor hatte bereits der bekannte US-Anwalt Ed Fagan und sein Kollege Bruce N. Nagel die erste globale Sammelklage im Zusammenhang mit dem Medikament bei einem Bundesgericht in Newark in den USA eingereicht.

Bericht über Zulassung

Insgesamt waren sechs Millionen herzinfarktgefährdete Patienten mit Lipobay/Baycol behandelt worden. Unter ihnen kam es zu 52 Todesfällen im zeitlichen Zusammenhang mit der Medikamenten- Einnahme. Das Bundesgesundheitsministerium wollte am Nachmittag einen Bericht über den Verlauf der Lipobay-Zulassung und die weitere Beobachtung des Medikaments in Deutschland vorlegen.

Hinweise auf Nebenwirkungen

Laut "Bild"-Zeitung verfügte die Europäischen Behörde für Arzneimittelüberwachung (Emea) mit Sitz in London seit dem Frühjahr über Hinweise auf schwere Nebenwirkungen. Nach Diskussionen in der Emea hatte Bayer (Leverkusen) den Cholesterinsenker am 8. August weltweit vom Markt zurückgezogen.

"Wir hatten bei der Marktzulassung keine Anhaltspunkte, die den jetzt erfolgten Rückzug hätten erahnen lassen. Wir haben frühestmöglich reagiert", sagte Diehl. Alle wirksamen Medikamente hätten Nebenwirkungen. Erst in der Arznei-Überwachung nach der Zulassung habe sich gezeigt, dass Lipobay zusammen mit dem Wirkstoff Gemfibrozil schwere Nebenwirkungen haben kann. Der Bayer-Konzern hält trotz des Debakels mit dem Medikament am geplanten US- Börsengang Ende September fest.

Klagen

In den USA laufen bereits mehrere Klagen gegen das Unternehmen. Der globalen Sammelklage könnten sich neben US-Amerikanern auch Deutsche und andere Ausländer anschließen, sagte Fagan.

Weitere Sammelklage

Gegen den Chemie-Konzern Bayer liegt im Zusammenhang mit dem Cholesterin-Senker Lipobay/Baycol inzwischen eine weitere globale Sammelklage vor. Die Anwaltskanzlei Kenneth B. Moll & Associates Ltd. in Chicago brachte die Klage in einem Bezirksgericht in Illinois ein. Dies gab die Kanzlei am Mittwoch (Ortszeit) bekannt.

Die Kanzlei fordert einen medizinischen Überwachsungsfonds, damit jeder Verbraucher über die Auswirkungen des Medikaments informiert und behandelt werden könne. Die Kanzlei verlangt auch eine Rückzahlung der für Baycol bezahlten Gelder und Entschädigungen für alle erkrankten oder gestorbenen Patienten.

Die New Yorker Anwaltsfirma Kaplan Fox & Kilsheimer LLP will ebenfalls eine Baycol-Klage gegen die Bayer AG einreichen. Am Vortag wurde von der ersten globalen Sammelklage gegen Bayer berichtet, die vom bekannten US-Anwalt Ed Fagan und seinem Kollegen Bruce N. Nagel eingereicht wurde.

Studien zur Verträglichkeit veröffentlichen

Zudem ist nach einem Bericht der Zeitung "Trierscher Volksfreund" eine Klage auf die deutsche Muttergesellschaft der in den USA tätigen Bayer-Niederlassung ausgeweitet worden. Die Anwälte befürchteten, dass angesichts der Vielzahl der Klagen die Mittel der US-Tochter von Bayer rasch erschöpft sein könnten. Sie wollten Bayer zudem zwingen, alle bisher geheim gehaltenen Studien zur Verträglichkeit des Medikaments offenzulegen.

Indessen will der US-Pharmariese Pfizer das Bayer-Debakel für die Vermarktung seines Cholesterin-Medikaments Lipitor nutzen. Der Konzern will Ärzten mehr Proben des Medikaments zukommen lassen. Zudem wolle Pfizer kostenlose Cholesterin-Tests in den ganzen USA durchführen. Bis zum Jahresende sollen dabei mehr als 200.000 Amerikaner getestet werden.

Deutscher Opferanwalt fordert Bayer zu gütlicher Einigung auf

Der Kölner Rechtsanwalt Gerhart Baum hat den Chemie- und Pharmakonzern Bayer zu einer gütlichen Einigung mit Geschädigten des Präparats Lipobay aufgefordert und andernfalls Klagen in den USA angedroht. "Sollte Bayer den Vergleichsweg nicht beschreiten, bietet sich nur noch der Klageweg in den USA an, der im Falle Concorde erfolgreich vermieden werden konnte", so Baum am Donnerstag.

Geprüft werde auch, ob das deutsche Bundesgesundheitsamt und in Einzelfällen auch Ärzte zu Schadenersatz herangezogen werden könnten. Der frühere deutsche Innenminister Baum vertritt nach eigenen Angaben zusammen mit Kollegen einige durch den Cholesterin-Senker Lipobay geschädigte Patienten.

Rund 600 Angehörige der Opfer des Concorde-Absturzes im Juli vergangenen Jahres hatten vor einigen Wochen Entschädigungen erhalten, die sich Medienberichten zufolge auf insgesamt rund 300 Millionen Mark (153 Mill. Euro/2,11 Mrd. S) belaufen und damit als die höchsten Schmerzensgeldzahlungen nach einem Flugzeugabsturz in Europa gelten.

Bayer hatte in der vergangenen Woche das cholesterinsenkende Mittel Lipobay, das auch unter dem Namen Baycol verkauft wurde, wegen möglicher tödlicher Nebenwirkungen vom Markt genommen und eine Gewinnwarnung ausgesprochen. Dem Konzern sind nach eigenen Angaben derzeit weltweit 52 Todesfälle bekannt, die in zeitlichem Zusammenhang mit der Einnahme des Lipobay-Wirkstoffes Cerivastatin aufgetreten seien. In Deutschland wird der Tod von fünf Patienten, in den USA der Tod von 31 Patienten nach der Einnahme des Medikaments untersucht. Das deutsche Gesundheitsministerium warf dem Konzern am Donnerstag schwere Fehler bei der Information über das Medikament Lipobay vor. (APA/dpa)

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