"Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt"

16. August 2001, 18:56
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Marlene Dietrich im "Journal des Verschwindens" (XLII)

Am Montag, 13. August, um 21.30 Uhr bei Kino unter Sternen im Augarten Der blaue Engel. Zugleich im Schaufenster der Musikalienhandlung Doblinger ein kindlicher Blickfang: 1001 All-Time Hit Songs, from the essential Standards to the latest Tophits. - Stumm und blicklos liegen die 1001 Standards in der Hitze, keine Nacht in Sicht, kaum ein Nachmittag. Dann ein Himmelfahrtstag, doch nicht für jeden: Der Tod verpackt Sperrgüter.

Bleibt die Sicht auf das Ende des Films, das Ende des Professors, der in den Untergang taumelt, den sperrigen Moment, an dem kein Weg vorbeiführt. Im warmen Spätsommer von 2001 ist dieses Ende so endgültig wie die kalte, von Schneeblöcken und vereisten Pfützen beherrschte Nacht im Film. - "Er sprudelte Wasser, empfing von hinten einen Stoß, stolperte das Trittbrett hinan und gelangte kopfüber auf das Polster neben der Künstlerin Fröhlich und ins Dunkel." - Mit dem Roman und seinem Helden Professor Unrat gelang Heinrich Mann, so meint der Werbetext des Rowohlt Taschenbuchverlags, "eine meisterhafte Karikatur der Wilhelminischen Zeit". Es gelang ihm aber um einiges mehr. Denn die kleine Stadt Heinrich Manns ist nicht die kleine Stadt, in der man sich idyllisch einrichtet. Bei ihm wird, wie sonst nur in Wien üblich, der Untergang der anderen gierig begafft. Im Film sieht man - und kommt nie mehr davon los - den blauen brutalen hellgrauen Himmel über der preußischen Kleinstadt, den Professor, der aus der Ordnung ins Chaos getrieben wird. Dann Marlene Dietrichs berühmte Beine, ihre erstaunlich kräftige Figur und ihr mörderisches Lied: "Ich bin von Kopf bis Fuß/auf Liebe eingestellt/und das ist meine Welt/und sonst gar nichts."

"Männer umschwirren mich/wie Motten das Licht" - überzeugend wie von ihr habe ich dies nur von einer ganz anderen Person gehört, der ältesten Schwester der Geschwister Scholl, Inge Scholl: Sie leitete nach dem Krieg die damals berühmte Ulmer Volkshochschule, und ich wohnte eine Zeit lang bei ihren Eltern. Inge, die Männern kaum die Möglichkeit gegeben hätte, sie wie Motten zu umschwirren, sang es in ihrem Elternhaus mit dem Blick auf das Münster nach einem extrem angestrengten, eingeteilten und koordinierten Tag immer wieder.

"Und sonst gar nichts", schmetterte sie vergnügt. Während die ebenso erstaunliche Mutter zu jedem, der sich verspätet hatte und ohne Schlüssel an der Haustür läutete, freundlich auf Schwäbisch bemerkte: "Nur nit verplempere."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 8. 2001)

Das "Journal des Verschwindens" wird nächsten Freitag fortgesetzt
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