Wien: Bevölkerungszahl wuchs durch Zuwanderung

18. August 2001, 00:01
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Ein historischer Rückblick

Wien - Mit dem Siegeszug der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg die Zuwanderung nach Wien rasant an. War der Anteil an "Fremden" 1820 noch bei 9,5 Prozent der Bevölkerung gelegen, betrug er 1831 bereits 30,5 Prozent und stieg weiter auf 43,1 Prozent im Jahr 1840. Nach Berechnungen des Historikers Andreas Weigl betrug der positive Wanderungssaldo von 1870-1910 rund 150.00-170.000 Menschen im Jahrzehnt. Erst nach der Wirtschaftskrise 1873 ging die Zuwanderung zurück, stieg aber gegen Ende der Monarchie noch einmal dramatisch an.

So lebten zum Ende des Ersten Weltkriegs rund 2,275 Millionen Menschen auf dem Gebiet des heutigen Wien. Lässt sich auch ihre nationale Gliederung nicht mehr exakt rekonstruieren, so steht doch fest, dass vom Vormärz durch die gesamte Epoche Kaiser Franz Josephs hindurch mehr als die Hälfte der Wiener nicht im "Schmelztiegel" Wien geboren waren. 1856 waren rund 44 Prozent der Wiener hier geboren, 1880 waren es 38,5 Prozent und 1900 46,4 Prozent. Erst mit der massiven Abwanderung in die Nachfolgestaaten nach dem Zerfall der Monarchie setzte eine Trendwende ein: 1923 stellten in Wien geborene Wiener mit 53,8 Prozent erstmals die absolute Mehrheit.

Drei große Gruppen

Die Zuwanderer nach Wien des 19. Jahrhunderts lassen sich in drei große Gruppen gliedern: Zuzügler aus den Bundesländern, aus Böhmen und Mähren sowie die jüdische Zuwanderung aus Galizien und anderen Gebieten des Reichs. Zahlenmäßig waren Zuwanderer aus dem heutigen Tschechien die stärkste Gruppe: 1910 lag ihr Anteil an der Wiener Stadtbevölkerung bei 24,5 Prozent bzw. 411.037 Personen. Verbreitete Namen wie Svoboda, Pospisil oder Prohaska geben bis heute beredtes Zeugnis davon. Nach der Bildung der Tschechoslowakei 1918 setzte eine massive Abwanderung ein, bis 1934 die Zahl der Tschechen auf rund 60.000 gesunken war.

Innerhalb der Migranten aus Böhmen, Mähren und Schlesien überwogen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutschsprachige, während in der zweiten Hälfte tschechischsprachige dominierten. Sehr stark war die so genannte "Dienstbotenwanderung" unter Frauen ausgeprägt. Männer waren vorwiegend in Industrie und Gewerbe tätig: So stellen 1880 Zuwanderer aus dem heutigen Tschechien bis zu zwei Drittel der Beschäftigten im Tischler-, Schuster-, Schneider- und Schlossergewerbe. Mit der Erwerbstätigkeit verband sich ein gesellschaftlicher Aufstieg: 1862 stammten rund zwölf Prozent aller Wiener Hausbesitzer aus Böhmen und Mähren.

Jüdische Zuwanderung

Die jüdische Zuwanderung nach Wien setzte erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in großem Ausmaß ein. Zählte die jüdische Bevölkerung 1857 erst 15.000 Personen, waren es 1890 fast 120.000 und 1910 bereits 175.000 Menschen. Während sich andere Zuwanderergruppen über die Stadt weiträumig verteilten, siedelten die jüdischen Migranten zunächst fast ausschließlich im 2. Bezirk, später auch vereinzelt im 1. und 9. Bezirk. Die jüdischen Zuwanderer kamen bis zum dritten Viertel des 19. Jahrhunderts vorwiegend aus Ungarn und der heutigen Slowakei, danach wurde der Anteil aus Galizien immer größer. Während der Ersten Weltkriegs flüchteten 1915 mindestens 150.000 Juden aus Galizien nach Wien.

In Sicherheit waren sie hier nicht lange. 1910 wurden in Wien 175.318 Einwohner mit israelitischem Glaubensbekenntnis gezählt, 1923 waren es 201.513 bzw. 10,8 Prozent der Bevölkerung. Als die Nationalsozialisten 1938 den so genannten Anschluss vollzogen, waren offiziell noch rund 170.000 Juden in Wien registriert. Ein Jahr später hatte man fast 130.000 Juden aus Österreich vertrieben. Von den Verbliebenen überlebte nur eine Handvoll den Holocaust.

Von Migrationsströmen abgeschnitten

Mit der Ost-West-Teilung Europas nach 1945 verlor Wien sein traditionelles Hinterland und wurde lange Zeit von Migrationsströmen abgeschnitten. Nur schwere politische Krisen wie der Ungarn-Aufstand 1956 oder die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 brachten vorübergehende Migrationsbewegungen größeren Ausmaßes, wenn auch nur in geringem dauerhaften Ausmaß. Der Anteil der in Wien geborenen Wiener stieg kontinuierlich und erreichte 1988 mit 63,2 Prozent seinen bisher höchsten Wert.

Bedeutende Auswirkungen hatte ab Mitte der Sechziger Jahre die Anwerbung jugoslawischer und später auch türkischer Gastarbeiter. Zu Beginn der siebziger Jahre waren 50.000 Jugoslawen in Wien gemeldet. Mitte der achtziger Jahre waren es rund 60.000 Jugoslawen und 30.000 Türken. Die bisher letzte große Zuwanderungsbewegung ereignet sich während des Kriegs im zerfallenden Jugoslawien, in dessen Folge die Zahl der registrierten Personen aus dem Nachfolgestaaten in Wien bis 1997 auf rund 120.000 stieg. (APA)

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