Immer den Schlingrippen nach

24. August 2001, 11:40
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Stationen einer Reise durch und über die Grenzen von Österreich. Die zweite Etappe führt zu klerikalen Kostbarkeiten im Mühlviertel, über 1000 Hügel und zum Plumpsklo im Greiner Stadttheater

Die Straße zog in weiten Schwüngen über die Hügel hinweg. Die Nebel stiegen frühherbstlich und ließen sich wieder sinken, dahinter ahnte man die Sonne. Als wir in Kefermarkt ankamen, machte sie ernsthafte Anstalten, sich durchzusetzen, was angesichts der Lage des Ortes und der Kostbarkeit des dortigen Altars das Mindeste schien.

Das eigentliche Ziel der Reise lag hinter der Grenze in Tschechien

Krumau, Budweis, Wittingau . . . Zielorte im wörtlichen Sinn gibt es nur für Menschen, die im Voraus buchen. Das Bestechende an einer Rundreise im Auto dagegen ist, dass sich auch bei spontaner Routenwahl jeder Ort, in den man kommt, als Reiseziel entpuppt. Eine Rundreise ist, obwohl das paradox klingt, am ehesten mit der "Geraden" aus der lang vergangenen Mathematikstunde vergleichbar, auf der sich bekanntlich unendlich viele Punkte befinden, zwischen denen immer noch mehr Punkte liegen. Das Fremde, das Geheimnis und die Überraschung wird bei der Reiseplanung meist erst hinter der Grenze vermutet. Je näher wir dahin kamen, desto mehr stellte sich heraus, dass schon auf der österreichischen Seite Bildungslücken zu schließen und Wundersamkeiten zu entdecken waren.

Auf dem Weg vom Parkplatz zur Kefermarkter Kirche patrouillierte ein kleiner weißer Hund auf und ab. Seine Aufregung angesichts zweier Unbekannter ließ darauf schließen, dass Kefermarkt nicht einmal im Sommer besonders überlaufen sein dürfte. Das grenzt allerdings an ein Wunder. Denn der dreizehneinhalb Meter hohe Altar ist "einfach eine Augenweide" (zitiert nach Die Presse, Schaufenster, Juni 2001). Er ist nicht nur für Freunde gotischer Bildhauerkunst von Bedeutung, sondern insbesondere literarisch Interessierte sollten hier eine Gedenkminute für Adalbert Stifter einlegen, dessen Initiative die Rettung dieses Kunstwerks vor dem Holzwurm zu verdanken ist. Bei der "Entwurmung" kam leider die farbige Fassung des Altars abhanden. Restauratoren und Denkmalschützern prophezeite Stifter 1857 im "Nachsommer" eine rosige Zukunft: "Es wird einmal eine Zeit kommen, in welcher vom Staate aus sachverständige Männer in ein Amt werden vereinigt werden, das die Wiederherstellung alter Kunstwerke einleiten, ihre Aufstellung in dem ursprünglichen Sinne bewirken, und ihre Verunstaltung für kommende Zeiten verhindern wird."

Kircheführer und Ansichtskarten

Österreichische Pfarrer, die etwas auf die in ihrer Kirche ausgestellte Kunst geben, lassen einen Kirchenführer und Ansichtskarten anfertigen. Das ist eine Einrichtung, die gar nicht genug gelobt werden kann. Meist kosten die Karten fünf Schilling, die Führer dreißig bis fünfzig Schilling. Der Kirchenbesucher lässt, wenn man die mancherorts inständigen Bitten um ehrliche Bezahlung richtig interpretiert, bisweilen Manieren vermissen. Ausgerechnet in der Kirche zu stehlen erscheint selbst dem katholischen Agnostiker ziemlich ungehörig.

Über 1000 Hügel und 7000 Kurven strebten wir nach Königswiesen im östlichsten Mühlviertel. Beim Betrachten der spätgotischen Schlingrippen in der Pfarrkirche war plötzlich klar, dass diese Sorte Rippen, die ultimative Steigerungsform der Kreuzrippen, ihren Höhepunkt im Mühlviertel erreichen musste: Die Schlingrippen sind wie das Wegenetz im Mühlviertel.

Der letzten Kirche auf dem Programm dieses Tages näherten wir uns zu Fuß

Aus der Ortsmitte von Waldhausen im Strudengau folgten wir einem Schild, das Autofahrer zur Stiftskirche der Augustiner Chorherren leitet. Bei strahlendem Sonnenschein trabten wir in nördlicher Richtung aus dem Ort hinaus. Reich tragende Apfelbäume lockten . . . W. hat mich mit seiner unnatürlichen Zurückhaltung den Früchten anderer Menschen gegenüber schon so weit angesteckt, dass es mir peinlich war, als ein Einheimischer auf dem Rad mich sozusagen in flagranti beim Mundraub erwischte. Er betrachtete mich, wie ich, mich weit weg wünschend, auf dem Rain neben der Straße stand und meine rotbackige Beute in der Hand hielt.

Allerdings war es noch ein Glück, dass ich die Äpfel gestohlen hatte, denn ohne sie wären wir buchstäblich verkommen: Nach etwa fünf Hügeln - der Hügel ist die Mühlviertler Entsprechung zur russischen Werst - sahen wir die Stiftskirche Mariä Himmelfahrt hinter weiteren Obstbäumen aufragen. Eine Werst entspricht übrigens 1,067 Kilometern und unterteilt sich in 500 Saschen und 1500 Arschin. Das tut zwar nichts zur Sache, ist jedoch für den Fall, dass man wieder einmal Woinowitsch oder einen anderen russischen Spaßvogel lesen sollte, keine ganz unwichtige Information.

Die Untergliederung des Mühlviertler Hügels ist noch in Ausarbeitung begriffen. Es wird wohl so sein, dass ein Hügel etwa siebenundsiebzig Schlingrippensternen entspricht. Die Länge des Hügels ist insofern variabel, als er kürzer ist, wenn er steiler ist. Der Hügel ist, wenn man es recht bedenkt, nur bedingt ein Längenmaß, recht eigentlich gibt die Zahl der Hügel die Kraft an, die aufgewendet werden muss, um von A nach B zu gelangen.

Nach etwa einer halben Stunde im Tiroler Stechschritt - so nannte der Schriftsteller Norbert Silberbauer aus Retz einmal W.s und meine Art der gemächlichen Fortbewegung - waren wir am Ziel: "Graf Augustin Ochs von Sonnenau, ein prunkliebender ungarischer Adeliger, stattete die Stiftsanlagen mit dem größten Kostenaufwand und unter starker Überlastung der finanziellen Kräfte mit Stuck und Fresken aus", informiert der Kirchenführer. Josef II. ließ das Kloster aufheben und zu allem Überfluss die Klosteranlagen schleifen. Es kam aber noch schlimmer. Der Franzose, dem bekanntlich nichts heilig ist, nicht einmal das heilige Land Tirol, hat im Schicksalsjahr 1809 auch in dieser Stiftskirche sein wahres Wesen gezeigt: Die Kirche diente als Stall, und die menschlichen Stallbewohner übten auf dem Hochaltarbild das Zielschießen.

andächtiges Schweigen Das überaus prächtige weiß-gold-schwarze Innere der außen weiß-gelb gestrichenen Kirche lässt nicht nur Gläubige andächtig schweigen. 2002 wird hier die Landesausstellung ausgerichtet, deswegen war man außerhalb der Kirche bereits damit beschäftigt, den einstigen Barock-Garten wiederherzustellen.

Der Rückweg nach Waldhausen führte, laut W., über den schönsten Spazierweg der Welt: alte Alleebäume, Denkmäler, Teiche, Bänke und immer wieder Ausblicke in die bukolische Landschaft. Der Strudengau gehört wie der Sauwald zur Böhmischen Masse. Die Donau hat sich, anstatt dauernd um die Gesteinsmassive herumzufließen, einen Weg durch das Gestein gebrochen.

Über viele Kehren erreichten wir das Donauufer und die Stadt Grein mit ihrem Rokoko-Stadttheater: In Grein klappte der Theaterfreund einst nach der Vorstellung seinen Sitz nach oben und versperrte ihn mit einem Schlüssel - daher die Bezeichnung "Sperrsitz". So ist wohl das Theaterabonnement von heute entstanden.

Wer heute durch die Lande fährt, könnte meinen, Joseph II. habe sich sein Lebtag ausschließlich mit dem Aufheben von Klöstern beschäftigt. Dabei hat er seinen Untertanen so Grundlegendes wie die "Theater- und Spektakelfreiheit" gewährt, und das, obwohl seine Mutter und Koregentin, Maria Theresia, die Schauspieler insgesamt als "Bagage" bezeichnete.

Von der Bühne aus gesehen rechts befindet sich hinter einem roten Vorhang ein Plumpsklo; der Vorhang sollte es denjenigen, die während der Vorstellung von einem unaufschiebbaren Drang befallen wurden, erlauben, der Vorstellung dennoch zu folgen.

Mindestens so bedeutend wie das Theater ist in Grein die "Kaffeesiederei Blumensträußl" mit ihrer umwerfenden Biedermeiereinrichtung: Alles, Kleiderständer, lackierte Tische, Stühle, Bänke, Zeitungshalter, Lampen und die Scherenschnitte auf der Klotür, passt wunderbar zusammen. Manches, wie die Fliesen im Klo, ist erneuert worden, allerdings mit Stilsicherheit.

Folglich verschenkt der Kaffeesieder Gunter Nußbaummüller die Ansichtskarten von seinem Haus nicht als Werbemittel, sondern verkauft sie Interessierten.

Auf dem Fußweg zur Greinburg fand ich eine mir vom Sehen bekannte Pflanze, deren morgensternartig stachelige Früchte vage an Rosskastanien erinnerten, in deren Innerem aber keine glatte Kastanie, sondern viele kleine schwarze Samen lagen - wie runzeliger Mohn. Auf Reisen sammle ich stets Samen. Meist weiß ich, was ich einpacke. Diesmal kapierte ich erst ein Stück weiter auf der Reise, nämlich in Pfarrer Weidingers selbst im Herbst lehrreichem Kräutergarten im Stift Geras, dass ich in Grein Samen des giftigen, in historischer Zeit als Rauschgift notorischen Stechapfels eingesackelt hatte.

Von Stephanie Holzer
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