Stapeln und Ordnen

22. August 2001, 11:20
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Das New Yorker Museum of Modern Art ist der Phänomenologie der Bürowelt nachgegangen und hat die verschiedenen Arbeitssphäre-Rassen in eine Ordnung gebracht.

Paola Antonelli, Designchefin des New Yorker Museum of Modern Art, hat vergangenen Frühling dem Thema Arbeit, Büro und den dazugehörigen Arbeitsbiosphären eine Ausstellung gewidmet. Nun ist der entsprechende (englischsprachige) Katalog mit dem gleichnamigen Titel "workspheres" auch hier erhältlich.

Erzählt wird darin nicht nur eine kurze Geschichte der Arbeitswelt mit ihren Möbeln, Geräten, Kaffeemaschinen und Privattopfblumen, mit den obligaten Kaffeehäferlrändern auf den Akten und den einrichtungstechnischen Revolutionen, die auf die rasante Entwicklung der neuen Medien wie Personal Computer, Internet, Mobiltelefon zurückzuführen sind. Kuratorin Antonelli hat zu den vielen gezeigten Büro-, Möbel- und Geräteexponaten von gestern, heute und morgen auch jede Menge intelligenter Texte und Analysen von Benutzern und anderen Fachleuten dazugestellt.

Larry Keeley durfte etwa über "Arbeitswellen" und die jahrhundertelange Entwicklung des Arbeitsplatzes schlechthin philosophieren und sozusagen eine Zeitreise tun - vom Ziehbrunnenrand bis zum Voyager-Cockpit. Christopher Budd schrieb einen umfassenden Abriss über die rasanten Veränderungen im Büro von 1950 bis heute, und Kayoko Ota und Jim-hee Chang verglichen asiatische Arbeitswelten von Tokio, Seoul, Taipeh und Bangkok miteinander. Eines jedenfalls haben die alle gemeinsam, und zwar eine atemberaubende Enge, in der sich gekonnt bis malerisch die Dinge bis in erstaunliche Höhen stapeln.

Apropos stapeln und überregionale Bürowelt-Parallelen: Einer der begabtesten Stapler des Abendlandes ist der Journalist Alfred Worm, der als Miterfinder des Schuttkegelbüros stets auf wenigen Quadratmetern ein halbes Dutzend Telefone, viele Computer, die gesammelten Zeitungsprodukte mehrerer Jahrzehnte sowie geheime Akten so gut wie aller Ministerien zu häufen imstande war. Er selbst pflegt dahinter zu verschwinden, und ganz ähnliche Gewohnheiten demonstriert der in den "workspheres" abgebildete Worm-Kollege Steven Heller. Seine Bürosphäre bei der New York Times ist erfüllt von Zeug-Stapeln, die sich, in statisch tadellosen Konstrukten, bis über den Computerbildschirm erheben. Gewisse Gewohnheiten sind also international, zum Glück.

Der Ordnung halber hat Antonellis ordnender Kuratorengeist all diese Büroszenerien in ein relativ strenges System, quasi eine Phänomenologie gebracht. Sie unterscheidet zwischen offiziellen Offices, in denen es eher elegant-kühl-förmlich zugeht - was sich atmosphärisch natürlich verdichtet und sich im cool-repräsentativen Design der Möbel niederschlägt -, und anderen Bürorassen, wie etwa die durch die Individualität des Benutzers geprägte Arbeitsstation, das nomadische Büro zum überallhin Mitnehmen und das private Arbeitsareal zu Hause. Und sie geht weitsichtigerweise auch einen Schritt weiter, betritt die heute so prägende virtuelle Dimension, schaut sich auf den Desktops, den Computer-Benutzeroberflächen, um, denn die sind letztlich nichts anderes als neu designte, neu strukturierte, neuartige Büroteile.

Zu guter Letzt lässt die MoMa-Designchefin eine Menge interessanter Leute über private und wissenschaftliche Zugänge zum Arbeitsplatz philosophieren. So musste ihr etwa der Designer Bruce Mau Rede und Antwort stehen. Das Design sei Mittel zum Zweck und ständig zu hinterfragen, meinte er. Auf die Frage, was denn Arbeitskultur letztlich für ihn bedeute und ob die vom Unternehmen oder von den dort arbeitenden Individuen geschaffen würde, meinte er, zusammengefasst, die eigentliche Kultur eines Unternehmens existiere zwischen den Leuten, vor allem die Menschen an ihren Arbeitsplätzen würden sie generieren: "Eine Firma kann Kultur nicht diktieren. Sie kann sie lediglich ermöglichen." Wenn Frust den Arbeitstakt angibt, motivieren auch die feschesten Laptops und die ergonomischsten Schreibtischhaxen nicht, die Mitarbeiterpflege beginnt also anderswo, und sie steht selbstverständlich immer auch im Dienste des gesamten Unternehmens. (Ute Woltron)

Workspheres
The Museum of Modern Art
New York

in Europa vertrieben von Thames & Hudson, London
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