Flieger, grüß mir die Sonne

19. August 2001, 00:49
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Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit. Heute ist der Mensch mit allerlei Gerät in der Luft unterwegs, oben geblieben ist er noch nicht. Teil 1

Daidalus aber dachte: "Kann ich nicht wie ein Fisch durch das Meer schwimmen, so will ich mich wie ein Vogel durch die Lüfte schwingen und davonfliegen." Mit seinem Sohne Ikarus sammelte er Vogelfedern, dann knüpfte er sie, von den kleinsten und feinsten bis zu den größten geordnet, mit Fäden zusammen und verband die Kiele mit Wachs. Ikarus half ihm dabei. So entstanden zwei Flügelpaare, die mit Tragbändern an den Armen befestigt werden konnten.

30-mal hat sich Felix Baumgartner seinen Flügel schon umgeschnallt, 30 Probesprünge hat er absolviert. Ursprünglich hätte er heuer über den Ärmelkanal fliegen wollen, jetzt will er kommendes Jahr fliegen. Ganz ohne motorischen Antrieb. Nur mit seinem Kohlefaser-Flügel, der eine Spannweite von etwas mehr als einem Meter hat und die Aerodynamik nutzt. Baumgartner will über Dover in 9000 Meter Höhe aus einem Flugzeug springen, 35 Kilometer oder etwa zehn Minuten später will er über Calais an einer Leine ziehen, auf dass sich ein Fallschirm öffne.

Nach einem heimlichen Probeflug belehrte Daidalus seinen Sohn: "Mein lieber Sohn, fliege nicht zu tief, damit die Federn nicht ins Meerwasser tauchen, sonst werden sie feucht und ziehen dich in die Tiefe. Fliege aber auch nicht zu hoch, sonst schmilzt die Sonne das Wachs, die Flügel fallen auseinander, und du stürzt ab. Fliege die Mittelstraße zwischen Meer und Sonne immer nur hinter mir her!"

Baumgartner ist eigentlich BASE-Jumper, soll heißen, er hüpft gern von Gebäuden, Funktürmen, Brücken und Bergen, diesbezüglich ist er die Nummer eins der Welt. "Das höchste Gebäude der Welt - hamma. Die Jesus-Statue in Rio - hamma", sagt er. Immerhin bedürfen derartige Unternehmen einer Menge Vorarbeit, nicht zuletzt ist es oft verboten, von Hochhäusern oder Statuen zu springen. Baumgartner hat stets genau ausgetüftelt, wie er erstens unbemerkt seine Absprungbasis erreicht und zweitens nach der Landung unbehelligt entwischt.

Voll Liebe und Sorge umarmte der Vater den Sohn. Dann band er ihm die Flügel um die Arme und legte selbst ein Flügelpaar an. So erhoben sie sich wie Vögel in die blauen, wolkenlosen Lüfte. Bald entschwand die Insel Kreta ihren Blicken, und sie segelten weit über dem Meer, kraftvoll bewegten sie die Flügel. Immer wieder schaute der Vater nach seinem Sohne, ob er auch seinem Rat folge.

Der geplante Flug über den Ärmelkanal ist eine eigene Geschichte, den Luftraum will und darf Baumgartner nicht verletzen. Also muss er diverse Genehmigungen einholen, also hat er ein Trainingslager bei der Royal Air Force geplant, auch, um dort Unterstützung zu finden. Derweil wird der speziell beschichtete Flügel von einem Linzer Aerodynamiker weiterentwickelt, wird getestet und getestet, wobei Baumgartner meist aus einem Ballon aussteigt. Dann nimmt er, im wahrsten Sinne des Wortes Hals über Kopf, Geschwindigkeit auf, ehe er durch Gewichtsverlagerungen den Flügel in eine flachere Flugkurve zwingt. Bevor er die Fallschirmleine zieht, bremst er "wie ein Flugzeug bei der Landung".

Ikarus schwang anfangs furchtsam die Flügel auf und ab, doch als er sah, dass er es dem Vater gleichtat, überkam ihn die Freude des leichtbeschwingten Fliegens wie ein Rausch. Das glitzernde Meer wogte unter ihm, und über sich sah er den unendlich hohen Himmel. Da erfasste ihn lachender Übermut, er vergaß des Vaters Warnung, verließ seine Bahn und flog immer höher und höher.

Geht irgendwas schief, muss sich Baumgartner von seinem Flügel trennen, er geht des Geräts aber nicht auf Dauer verlustig, der Flügel schwebt dann ebenfalls, mit einem eigenen Fallschirm, zu Boden. Die Challenge wird, sagt Baumgartner, die extreme Höhe zu Beginn seines Flugs sein, verbunden mit der extremen Kälte. Da gelte es die Nerven im Zaum zu halten und richtig zu navigieren. Fragt man ihn, wie wahrscheinlich ein Gelingen seiner Aktion ist, antwortet der 32-jährige Salzburger mit einem Vergleich. "Wenn das Formel-1-Auto hält, kommt der Fahrer oft ins Ziel."

Zu spät bemerkte Ikarus, dass die Sonnenstrahlen das Wachs schmolzen, die Federn sich lösten und davonflatterten. Verzweifelt versuchte er mit den nackten Armen durch die Luft zu rudern, doch sie behielt den Ungehorsamen nicht. Er überschlug sich und fiel in rasendem Sturz mit lauten Hilferufen nach dem Vater ins Meer und sank.

Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit. Vergleichsweise jung sind da schon die Aufzeichnungen des Leonardo da Vinci, der diverse Fluggeräte konstruiert hat. Auch das Ikarus-Thema hat Künstler stets bewegt, der wohl berühmteste geschriebene Ikarus stammt von Ovid. Brueghel und Matisse haben Ikarus gemalt. Heute fliegt der Mensch mit Fallschirmen, Hängegleitern, Paragleitern, Drachen und Segelflugzeugen, motorisiert sowieso, er surft quasi den Himmel ab, lässt sich von Kites in die Luft ziehen, er fährt mit dem Ballon. Oben geblieben ist noch keiner. Das wird auch Felix Baumgartner nicht schaffen, er will ja bloß "der Erste sein, der den Ärmelkanal im freien Fall überquert".

Alles war so schnell geschehen, dass der Vater, als er sich umwandte, nichts mehr von seinem Sohne sah. Voller Angst rief er: "Ikarus, Ikarus, wo soll ich dich suchen?"

Von
Fritz Neumann.
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