"Lipobay": Auch in Österreich erste Fälle

16. August 2001, 08:56
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Ärzte warnen aber vor Panikreaktionen

Wien - Der Skandal um den in der Vorwoche vom Markt genommenen Blutfettsenker Lipobay eskaliert auch in Österreich. Im Juli hat ein Herzpatient unter Lipobay einen Nierenschock erlitten. Der Betroffene sei "wiederhergestellt", erklärt Renate Jensch, die Verantwortliche für Arzneimittel-Nebenwirkungen im Gesundheitsministerium im STANDARD-Gespräch. Laut Oberösterreichischen Nachrichten hat die Einnahme von Lipobay in Oberösterreich bei einem Patienten zur Muskelauflösung geführt. Der Mann sei offensichtlich in ernster Gefahr gewesen, erklärte der Chefarzt der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse, Maximilian Gstöttner, in den OÖN.

Dabei hatte Hersteller Bayer an das Medikament größte Hoffnungen geknüpft: Der enthaltene Wirkstoff Cerivastatin sei besonders effektiv gegen Arteriosklerose und Herzinfarkt. In Österreich wurden laut Bayer 20.000 Patienten auf Lipobay eingestellt.

Indessen hat sich die offizielle Zahl von 52 Lipobay-Toten in den USA, Deutschland und Spanien inoffiziell auf 200 erhöht. In Wien verzeichnete die Patientenanwaltschaft "mehrere Anrufe besorgter Patienten". Falls sich mehrere Betroffene melden, werde auch ihnen eine Sammelklage nach amerikanischem Muster empfohlen werden.

Erste US-Sammelklage

In den USA haben Anwälte nach Presseinformationen die erste Sammelklage gegen den Pharma-Konzern Bayer eingereicht. Dem Unternehmen wird unter anderem vorgeworfen, Lipobay nicht rechtzeitig aus dem Handel genommen zu haben. Eine zweite Sammelklage ist in Vorbereitung. Ärzte, Apotheker und die Firma Bayer erwarten nicht, dass sich die Situation in Österreich derart zuspitzen könnte. Die Häufung der Todesfälle in den USA wird damit begründet, dass Lipobay dort auch in der Dosis von 0,8 Milligramm im Handel war (in Österreich: 0,2 und 0,4 mg).

Zu Behandlungsbeginn darf das Medikament nicht so hoch dosiert werden, was aber geschehen ist. In anderen Fällen wurde es zusammen mit Gemfibrocil (Markenname Gevilon) eingenommen, das in den USA in jedem Drugstore erhältlich, in Österreich aber rezeptpflichtig ist. Wie es zu den fünf Todesfällen in Deutschland kam, ist noch ungeklärt.

Statine gehören zur Standardmedikation für Infarkt-und Schlaganfallsopfer, Diabetiker und Leute mit hohem Level an "bösem" LDL-Cholesterin. Jeder, der eine Statin-Therapie abbricht, erhöht sein Risiko langfristig um 30 Prozent. Besorgte Patienten sollten sich mit ihrem Arzt in Verbindung setzen, rät Professor Thomas Stefenelli, Kardiologe am Wiener AKH.

Das erste Symptom der gefürchteten Komplikation, der Rhabdomyolyse, sind grippeartige Muskelschmerzen. Kein Statin sollte gemeinsam mit einem Triglycerid-Senker aus der Gruppe der Fibrate (Gevilon, Bezafibrat, Bezalip, Bezastad, Fenolip, Lipcor, Lipsin, Lipo Merz und Duolip gehandelt) eingenommen werden. Die Innsbrucker Stoffwechselexpertin, Professorin Monika Lechleitner, ergänzt: "Vorsicht auch bei Chemotherapie, Antibiotika, Pilz- und Magenmedikamenten. Sie verstärken die Wirkung der Statine." Wie auch Grapefruitsaft.

Ab sofort erstatten Apotheken für volle oder angebrochene Lipobay-Packungen die Rezeptgebühr zurück. Voraussetzung: Rücksprache mit einem Arzt.

(jag, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.08.2001)

Der Skandal um das Medikament "Lipobay" eskaliert nun auch in Österreich. Ärzte warnen aber vor Panikreaktionen. Die Behandlung von Blutfettstörungen mit derartigen Medikamenten sei bei nötiger Sorgfalt ungefährlich.
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