Mazedonien: Die Friedenssaat schützen - von Jörg Wojahn

15. August 2001, 18:59
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In Mazedonien reicht Waffensammeln nicht - dauerhafte Truppenpräsenz ist nötig

Schnell rein, schnell raus - so stellt sich das die Nato vor. In Kürze werden sich Soldaten des Bündnisses also in Mazedonien als Alteisen- und Altkleidersammler betätigen. Schließlich sollen die Albanerrebellen nach dem Friedensplan von Montag binnen 30 Tagen ihre Waffen samt Ausrüstung bis hin zu den Uniformen an die Nato übergeben. "Speed wins", mag mancher frohlocken. Waffenentsorgung allein wird aber nicht genügen. Sonst heißt es nämlich bald: "Speed kills".

Trotz des sehr vernünftig erscheinenden Friedensplans: Dass nach fast sechs Monaten Scharmützeln nun auf einmal bei allen Slawen und Albanern in Mazedonien die Vernunft einkehrt, ist unwahrscheinlich. Europäer und Amerikaner müssen daher darauf achten, dass zumindest den maßgeblich Beteiligten bei Regierung und U¸CK die mühsam errungene Vernunft nicht wieder abhanden kommt, ist sie doch auf dem Balkan ein sehr flüchtiges Gut, wie nicht nur das vergangene Jahrzehnt gezeigt hat.

Das heißt also: Zuckerbrot und Peitsche. Das Zuckerbrot hat EU-Außenkommissar Chris Patten schon ausgelegt mit der Ankündigung, eine Geberkonferenz zu organisieren, sobald alle Verfassungsreformen angenommen sind.

Beim Peitschenschwingen ist der Westen aber zu zaghaft. Dass die 3500 Nato-Soldaten auf die Schnelle Hunderttausende von Waffen einsammeln können, ist schon optimistisch. Dass danach aber die Truppe wieder heimkehren kann und dann dauerhaft Ruhe und Ordnung einkehrt, ist ein frommer Wunsch. Dabei weiß auch die Nato, dass nach der Sammelaktion "bedeutende Ernte" noch versteckte Waffen im Land bleiben werden.

Fest steht, dass der Westen slawische und albanische Mazedonier lieber nicht miteinander allein lassen sollte. Ob als Anstandsdamen der EU-Emissär François Léotard und US-Unterhändler James Pardew genügen? Wohl nicht.

Immer vorausgesetzt, mazedonische Regierung und U¸CK-Rebellen halten sich an ihre Vereinbarungen, und es kehrt erst einmal Waffenruhe ein: Friedensfeinde gibt es trotzdem noch mehr als genug. Auf der einen Seite stehen die verblendeten slawischen Nationalisten, die im Parlament versuchen werden, die Verfassungsänderungen aus dem Friedenspaket aufzuhalten. Auf der anderen Seite, und noch gefährlicher für die Region, stehen Rebellen wie die der Nationalen Albanischen Armee AKSh, die klar machen, dass sie weiterkämpfen werden - für ein "Großalbanien". Zuerst taten sie das im Kosovo, dann im Presevo-Tal, nun eben in Mazedonien.

Die Entwaffnung allein reicht also nicht. Sie ist letztlich ein symbolischer Akt. Es genügt auch nicht, dass die Nato rasch mit der "bedeutenden Ernte" beginnt. Verhindern kann sie damit höchstens, dass die Früchte des Frie-densplans vorzeitig faulen.

Ist die Waffenernte eingefahren, darf der Acker nicht ungeschützt liegen bleiben, sonst besetzen die Saatkrähen nationalistischer Radikalismen wieder das Feld. Zumal der machtpolitische Schwebezustand im benachbarten Kosovo anhält. Auf dem abgeernteten Acker muss die Nato also Vogelscheuchen aufstellen, damit die Reformsaat überhaupt aufgehen kann.

Damit solche abschreckenden Militäreinheiten auf dem Balkan ernst genommen werden, müssen sie gut ausgerüstet und längerfristig anwesend sein. Dass die Nato-Soldaten auf dem Felde zwischen den Fronten stünden, ist dabei kein Gegenargument: Das ist schon beim Sammeleinsatz der Fall. Stellen sie sich aber schon zum gegenwärtigen Zeitpunkt als dauerhafte Friedenstruppe auf, werden sie - anders als bei späterem Eingreifen - gar nicht kämpfen müssen. Denn den Kriegslüsternen unter den Albanern wird rasch jede Unterstützung abhanden kommen, wenn sich ihre Mitbürger wegen der Nato-Truppen sicher fühlen.

Also gilt es, lieber rechtzeitig das dritte De-facto-Treuhandgebiet auf dem Balkan einzurichten, als weiteres Blutvergießen - und höhere politische Kosten in der Zukunft - zu riskieren. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 16.8.2001)

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