Der neue "Vinzenz" aus Tirol

15. August 2001, 19:07
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Sich selbst zu begegnen kann - wie man aus Filmen, in denen durch die Zeit gereist wird, weiß - verheerende Folgen haben. Vor allem für denjenigen, dem dieses bewusstseinsverändernde Erlebnis zuteil wird. Michael J. Fox kann in "Back to the Future" ein Lied davon singen. Elmar Posch weiß, dass ihm genau das auch bald passieren wird. Die Begegnung der seltsamen Art ist unabwendbar.

Trotz dieser nervenzehrenden Ungewissheit bleibt er locker: "Wenn es so weit ist, möchte ich es mir schon genau anschauen, schließlich will ich sehen, ob ich gut getroffen wurde", scherzt der Gendarm aus Hall in Tirol. An vier Ortseinfahrten steht Posch bereits "herum". Adrett in Polizeiuniform gekleidet, die Hände am Rücken verschränkt, den Blick scharf nach links ge- richtet.

Der 39-Jährige ist der neue "Vinzenz", ein mit wetterfester Folie überzogener Alu-Gendarm, der trotz seiner Starrheit ziemlich lebensecht wirkt und allzu rasante Straßenbenützer zur Einhaltung der ortsüblichen fünfzig Stundenkilometer "zwingt". "Wir sind 41 Leute am Posten in Hall, deshalb hat sich die Bezirkshauptmannschaft an uns gewendet", versucht Posch zu erklären, warum gerade er zum "Vinzenz II" ernannt wurde. "Sie haben einen Freiwilligen gesucht - und mir war's egal, ich hab' mich zur Verfügung gestellt. Einige Kollegen wollten das nicht." In ein paar Jahren wird der zweifache Familienvater über 1000-mal zu sehen sein. In ganz Österreich.

Derzeit regiert noch "Vinzenz I". Doch der neue Vinzenz hat schon jetzt einige Verehrerinnen. Kürzlich hat ihn eine 86-jährige Dame angefordert - fürs Wohnzimmer: "Weil er so fesch ist." Elmar Posch alias "Vinzenz II" ist da bescheidener. Er bezeichnet sich selbst als durchschnittlichen Gendarmen: 1,80 groß, 85 Kilo schwer, seit 1981 am Posten in Hall. Er wohnt auch in seinem "Rayon", wo er sich mit Joggen und Radfahren fit hält. Davor, dass er - wie sein Vorgänger - auf der Straße angesprochen wird, fürchtet sich Posch nicht: "Dann kann ich den Menschen wenigstens erklären, dass der Vinzenz keine abschreckende, sondern eine präventive Wirkung haben soll."

Geld bekam Posch für seine Vervielfältigung bisher keines: "Man hat mir 4000 Schilling für den Fahrtaufwand zu den Fototerminen angeboten, aber das muss ich mir vom Ministerium erst absegnen lassen", möchte der Beamte den Dienstweg wahren.

An die große Glocke hängt Elmar Posch seine neue Rolle als Vinzenz nicht. Sogar einige Kollegen am Posten wüssten - noch - nichts davon. Selbst seinen beiden Töchtern muss er das Doppelleben erst "gestehen". Durchaus möglich also, dass die Aufklärung im Auto stattfindet. Wenn die beiden aufgeregt rufen: "Schau, Papa, da ist der Papa!"(DER STANDARD, Print- Ausgabe, 16.8.2001)

Andreas Tröscher
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