Spielbälle des Schicksals

15. August 2001, 20:32
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"primitive science" zu Gast in Salzburg

Sie sind eine "Theatergruppe ohne Theater", die lieber andere Schauplätze benützt, Schlachthäuser etwa, Museen oder einen Nachtclub. Und weil die Künstler anfangs zu unbekannt waren, um im etablierten Theaterzirkus mitspielen zu dürfen, entwickelten sie im Off-off-Bereich ihr ganz anderes Theater. Eine "Werkstatt der Träume" lässt sich schließlich auch mit einem Budget von rund eintausend Schilling einrichten.

Nun gastiert die mittlerweile mit einigem Renommee behaftete britische Theatergruppe "primitive science" mit der Uraufführung ihrer neuesten Produktion "The Invisible College" zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen. "primitive science", was für ein merkwürdiger Name für eine Off-Truppe. Primitive Wissenschaft. Was soll das bedeuten? "Der Name", konzediert ihr künstlerischer Chef und Regisseur Marc von Henning, "klingt auf Deutsch nicht halb so gut wie im Englischen. Es war ein spontaner Einfall, und wir sind dabei geblieben, weil er die Hoffnung weckt, auf der Bühne etwas Mysteriöses, Magisches zu sehen."

Dahinter steckt natürlich die Absicht, etwas von der "poetischen Natur der Primitiven" in die Gegenwart zu transportieren, die Beschwörung des Mythos und seiner Fabeln. Dementsprechend ist das Markenzeichen der Londoner ein "Theater der Sinne", ein "Spiel mit dem Raum, der Bewegung der Schauspieler, dem Klang ihrer Stimmen, den Worten". Das Drama entwickelt sich aus der Konfrontation zwischen den verschiedenen theatralischen Elementen und nicht aus dem Dialog wie im etablierten Theater. "Und", fügt Regisseur von Henning an, "es vollendet sich erst im Kopf des Zuschauers, der seine eigene Fantasie in Bewegung setzen muss."

Vorlage Borges

Die Produktionen basieren dabei vorwiegend auf nicht dramatischen Quellen wie Prosa von Kafka, Texten von Ovid oder Gemälden von Bruegel. Die Textgrundlage für "The Invisible College" besteht diesmal aus drei Erzählungen von Jorge Luis Borges. Daraus destilliert Henning den (Bilder-)Stoff für "die Reise einer Gruppe von Menschen, darunter der Arzt und Chemiker Paracelsus (1493-1541), zurück an die Ursprünge, auf der Suche nach dem verlorenen Wissen von Harmonie."

Dabei darf man sich vom Titel nicht täuschen lassen. Es geht nicht um eine unsichtbare Universität, sondern, erklärt der Regisseur, um "eine Art geheime Akademie, die unser aller Leben steuert". Nach der Grundidee von Borges' faszinierendem Lotterie-Text, in dem erzählt wird, wie aus der "plebejischen Belustigung" einer Lotterie im alten Babylon eine allmächtige Institution wurde, die das ganze Leben als Lotteriespiel verlaufen lässt. Das Wissen über die Institution ging im Lauf der Jahrtausende verloren, das Gefühl, ein Spielball des Zufalls zu sein, nicht. So geht es bei dieser Forschungsreise zurück mit der Frage nach der Realität dieses Schattenregimes für Regisseur von Henning zugleich um die ganz wichtigen Dinge des Lebens: "Ist das Leben tatsächlich eine Lotterie, der Mensch ein Pingpongball des Schicksals? Oder kann man sein Schicksal in den Griff kriegen?"
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 8. 2001)

Von
Lothar Lohs

16. bis 26. 8.,
Salzburger Festspiele,
Karten: (0662) 80 45-579
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