Deutsche Wirtschaft stagniert

16. August 2001, 14:25
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Bundeskanzler Schröder kürzt die Wachstumsprognosen auf 1,5 Prozent nach unten

Berlin/München - Die europäische Konjunkturlokomotive zieht nicht mehr. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet keine wesentliche konjunkturelle Besserung. Die Bundesrepublik befinde sich in einer Stagnation, die auch im dritten Quartal 2001 anhalten werde, heißt es im jüngsten Wochenbericht. Das reale Bruttoinlandsprodukt dürfte dann nur noch um etwa ein Prozent über dem Vorjahreswert liegen.

Gebremstes Wachstum im zweiten Quartal

Im zweiten Quartal sei das reale Wachstum nach den derzeit verfügbaren Indikatoren leicht rückläufig gewesen. Der Vorjahreswert sei nur um 0,7 Prozent übertroffen worden, nach 1,6 Prozent im ersten Quartal. Damit habe sich das Wachstumstempo im ersten Halbjahr 2001 (0,3 Prozent) gegenüber der zweiten Jahreshälfte 2001 (0,7 Prozent) mehr als halbiert. In der ersten Jahreshälfte habe die Konjunktur spürbar an Schwung verloren, stellt das DIW fest. Bei den Unternehmen sei die Beurteilung der Geschäftslage zunehmend pessimistischer geworden, und auch die Erwartungen bis Jahresende ließen keine Besserung erkennen.

Verhaltene Lohnentwicklung

Beim privaten Konsum werde sich das Tempo kaum beschleunigen. Die Beschäftigungsentwicklung stagniere, und die Lohnentwicklung bleibe verhalten. Der Preisauftrieb dürfte sich weiter abschwächen. Bei den Ausrüstungsinvestitionen sei nicht mit nennenswerter Verbesserung zu rechnen. Die Bauinvestitionen dürften sich stabilisieren. Die Exporte würden voraussichtlich in nahezu unverändertem Tempo zunehmen. Dagegen lasse die schwache Binnennachfrage keine Dynamik bei den Importen erwarten.

Investitionsneigung geringer

Die schwache Konjunktur und das eingetrübte Geschäftsklima dämpft nach einer Studie des Ifo-Instituts die Investitionsbereitschaft der deutschen Großhandelsunternehmen. Viele Unternehmen reduzierten in der ungünstigen Wirtschaftslage ihre Investitionsbudgets, hieß es in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie des Münchener Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo). Daher erwarten die Experten im laufenden Jahr einen Rückgang der Investitionen in der Branche um fünf Prozent auf rund 17,7 Milliarden DM. Die Investitionsquote würde damit auf 1,4 Prozent von 1,5 Prozent ein Jahr zuvor sinken.

Steuersenkung bis 2006 unmöglich

Niedrigere Steuern sind nach den Worten von Finanzminister Hans Eichel (SPD) bis 2006 nicht möglich. "Die Steuersenkungsmöglichkeiten für diese und die nächste Legislaturperiode sind ausgeschöpft", sagte Eichel am Mittwoch in Berlin nach einer Sitzung des Bundeskabinetts. Zuvor hatte das Kabinett Steuererleichterungen für den Mittelstand in Höhe von jährlich 300 Millionen Mark beschlossen.

Wachstum auf 1,5 Prozent revidiert

Das Bundesfinanzministerium hat einen Kommentar zum Monatsbericht der Bundesbank abgelehnt und bleibt nach eigenen Angaben bei seinen Erwartungen für das Wirtschaftswachstum. "Wir beteiligen uns an keinen weiteren Prognosen, bis wir nicht die offiziellen Zahlen für das erste und zweite Quartal haben", sagte ein Ministeriumssprecher am Donnerstag in Berlin.

Im Monatsbericht der Bundesbank hieß es, das Wirtschaftswachstum in Deutschland sei in den Frühjahrsmonaten zum Stillstand gekommen. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte in der vergangenen Woche erstmals die offizielle Wachstumsprognose der Bundesregierung von bisher 2,0 Prozent auf die Spanne von 1,5 bis 2,0 Prozent korrigiert. Erst mit Blick auf die Zahlen für das erste und zweite Quartal werde das Ministerium prüfen, wie die Herbstprognose zu formulieren sei, sagte der Sprecher. Damit sei nicht vor Ende Oktober zu rechnen. (Reuters/dpa, DER STANDARD, Printausgabe, 16. August 2001)

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