"Schule ist kein Therapieplatz"

15. August 2001, 19:18
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Oberösterreichs neuer Landesschulratspräsident Enzenhofer: "Mehr Normalität"

Wien - Die Klassenschülerhöchstzahl sollte bis zum Jahr 2007 von 30 auf 25 reduziert werden. Das wünscht sich Oberösterreichs neuer Lan-desschulratspräsident Fritz Enzenhofer im STANDARD-Gespräch. Aufgrund sinkender Schülerzahlen sei das aufkommensneutral zu bewältigen (womit ein Punkt des von Grünen, SP und Gewerkschaftern unterstützten Bildungsvolksbegehrens erfüllt wäre).

Die jüngsten, aus seiner eigenen Partei kommenden Reformvorschläge zur Schulpolitik betrachtet der ÖVP-Politiker jedoch skeptisch. Wie berichtet, erwägt Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, einen zusätzlichen Schulabschluss - die "mittlere Reife" - einzuführen. "Ich halte nicht sehr viel davon. Denn wer aufs Polytechnikum geht, will so schnell wie möglich arbeiten gehen", sagt Enzenhofer. Möglicherweise wolle die Wirtschaft damit lediglich das Berufsschuljahr verkürzen.

Auch ein Aufnahmeverfahren für die AHS missfällt ihm. Gut fände er hingegen neue "Prognoseverfahren", die den Eltern die Schulwahl für ihre Kinder erleichtern könnten. In Oberösterreich wurden letztes Unterrichtsjahr probeweise Mathematiktests für Zehn- bis 14-jährige versandt, womit Schulen ihr Leistungsniveau ermitteln konnten. Derzeit gebe es ja zwischen den Schulen "Trennwände", bedauert Enzenhofer. Ein öffentliches Ranking könne sich aus solchen Testverfahren aber niemals ergeben. Schulen mit schlechten Ergebnissen würden ohnehin aus eigener Kraft versuchen, ihr Niveau zu steigern, glaubt er. Auch für andere Fächer sollen jetzt Tests ausgearbeitet werden.

Und was hält der "schwarze" Schulpolitiker vom (seit vorigem Jahr laufenden) Wiener Schulversuch "Kooperative Mittelschule"? "Das ist der Versuch, der Gesamtschule einen anderen Namen zu geben. Aber ich habe damit kein Problem. Wesentlich ist die Differenzierung nach Leistung." Im städtischen Raum sei dieses Modell in Ordnung. Alte Ideologiedebatten sollte man ohnehin überwinden.

Und auch sonst möchte er zu "mehr Normalität" zurückkehren. So könne man weder bei jeder Schwierigkeit nach einem Stützlehrer rufen, noch sei jedes gesellschaftliche Problem in der Schule zu lösen. Schule sei kein Therapieplatz und Lehrer "nicht immer die richtigen Therapeuten".

Apropos Lehrer: In deren Ausbildung wünscht sich Enzenhofer mehr Ehrlichkeit. Jenen, die für den Beruf nicht geeignet erscheinen, sollte möglichst bald und offen davon abgeraten werden.(DER STANDARD, Print- Ausgabe, 16.8.2001)

Martina Salomon
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