Furcht vor "amerikanischen Verhältnissen"

15. August 2001, 19:33
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Frankreich: Debatte über Zunahme der Kriminalität - mehr Diebstähle, mehr Anzeigen

Paris/Wien - Marodierende Jugendbanden, "Zigeuner, die keine Angst vor den Gendarmen kennen", 2000 pro Monat in Paris gestohlene Handys und neuerdings auch Cyberkriminelle: Mit diesem Schreckenspanorama beschreibt der Figaro am Dienstag auf seiner Titelseite die aktuelle Sicherheitslage in Frankreich. Einen Anlass, die seit Wochen schwelende Debatte über die Zunahme der Kriminalität hochzukochen, hatte der Pariser Zeitung ein aus dem Tschad stammender Franzose am Montag geliefert: Der 27-jährige Habib Mezaoui tötete bei einem Überfall in Cergy-Pontoise bei Paris den Direktor einer Sparkasse und zwei weitere Menschen.

Obwohl der "Figaro" das Herz auf dem rechten Fleck trägt und daher zu einer eher dramatisierenden Haltung in der Kriminalitätsfrage tendiert, gibt es doch solides Zahlenmaterial, das seine Sorgen bestätigt. Die jüngsten Statistiken des Innenministeriums zeigen, dass die Kriminalitätsrate innerhalb eines Jahres um 5,7 Prozent gestiegen ist, wobei die Zunahme um 9,8 Prozent im letzten Halbjahr besonders spektakulär ausfiel. Zugenommen haben vor allem Diebstähle (19 Prozent), die Finanzkriminalität (18 Prozent), aber auch Körperverletzungen (13 Prozent). Einziges Positivum: Der seit 1992 zu beobachtende Rückgang von Morden hält an. Das Stichwort von der "Amerikanisierung" Frankreichs geistert immer häufiger durch die Medien.

Eine umfassende Erklärung des Phänomens steht noch aus, jedoch dürfte der Bevölkerungszuwachs in den städtischen Problemzonen mit eine Ursache bieten: Für die hoffnungslos dahinvegetierenden Jugendlichen aus sozial desolaten Verhältnissen hat die Politik offenbar noch kein Remedium gefunden. Es sollen aber auch staatliche Kommunikationsschulungen für Polizisten und Gendarmen dazu geführt haben, dass den Franzosen der Weg ins Kommissariat leichter fällt und häufiger angezeigt wird.

Präsident Jacques Chirac, der selbst wegen neuer Enthüllungen über angebliche Unregelmäßigkeiten bei der Finanzierung eines Landsitzes unter Druck steht, hatte unlängst den Kriminalitätszuwachs als Folge eines "Mangels an staatlicher Autorität und politischem Willen" bezeichnet. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 16.8.2001)

Christoph Winder
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