Wellness und Aufklärung auf Hitlers Obersalzberg

15. August 2001, 20:19
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Ist es erlaubt, für das Holocaust-Mahnmal mit einem Spruch von Neonazis zu werben und auf Hitlers Obersalzberg ein Hotel zu errichten?

Berchtesgaden/Nürnberg - Die ersten Pflöcke sind schon eingeschlagen: "Wellness", "Halle", "Restaurant" steht auf blauen Schildern auf der grünen Wiese. Von hier ist der Blick herrlich auf den Watzmann, auf Almwiesen und Wälder - eine Bilderbuchlandschaft, wie geschaffen für ein Hotel der Luxusklasse.

Über das Projekt an diesem Ort gibt es aber heftige Diskussionen. Denn es handelt sich um den Obersalzberg, wo Adolf Hitler den Überfall auf Polen und den Einmarsch in die Tschechoslowakei plante. Der Obersalzberg wurde nach 1933 zu einem zweiten Regierungssitz ausgebaut. Hitler selbst prahlte damit, dass auf dem "Berghof" seine "größten Pläne" entstanden seien. Hitlers Domizil sprengten die Amerikaner nach dem Krieg.

Vor fünf Jahren übergab die US-Armee das 106 Hektar große Gelände der "Alpenfestung" dem Freistaat Bayern. Der Münchner "Gewerbegrund", einer Tochter der Bayerischen Landesbank, wurde das Areal zur Pacht überlassen, die amerikanische Interconti-Gruppe wurde als Betreiber für das 490-Millionen-Schilling-Projekt mit 140 Betten gewonnen. "Das Hotel sichert die Zukunft des Tourismus in der Region", weist Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU) Kritik zurück.

Angst vor NS-Touristen

Dass aber auch der Freistaat Angst vor Wallfahrern hat, zeigt der Vertrag: Pächter und Betreiber mussten sich verpflichten, jede Art von "NS-Tourismus" zu verhindern. "Ab und zu ein paar Spinner" kämen vorbei, sagt die Frau im Tourismusbüro. Josef Renoth vom Rathaus Berchtesgaden beteuert, man habe "bisher noch keine Probleme mit Rechten gehabt".

In einem Dokumentationszentrum wird in einer Schau des Münchner Instituts für Zeitgeschichte der Schein des Obersalzbergs der brutalen Wirklichkeit des Dritten Reiches gegenübergestellt. Seit das kleine Museum die Tore geöffnet hat, sind die dubiosen Händler, die unter anderem Eva Brauns Lederkoffer feilgeboten haben, verschwunden.

Für den Nürnberger Museumsdirektor Franz Sonnenberger ein ermutigendes Beispiel: "Wenn man die Chance der Aufklärung nicht nutzt, werden, wie am Obersalzberg geschehen, an Kiosken und anderswo dubiose Informationen weitergegeben."

Nürnbergs Täterstätte

Deshalb treibt er sein Projekt "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" voran. Der Entwurf für das Zentrum, in dem ab November erstmals in Deutschland umfassend an die Täter erinnert wird, stammt vom Grazer Architekten Günther Domenig.

In Nürnberg wurden die Rassengesetze erlassen und fand das größte Propagandaspektakel statt. Aber auch die Nürnberger Prozesse, in denen die Naziverbrechen geahndet wurden, gingen in die Geschichte ein. "Wo sonst bietet sich die Chance, Mythenbildung entgegenzuwirken", entgegnet Sonnenberger Kritikern. Wegen der Geschichtsaufarbeitung erhielt Nürnberg im April den Unesco-Menschenrechtspreis.(DER STANDARD, Print- Ausgabe, 16.8.2001)

STANDARD-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid
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