VolxTheater: "Wissen nicht, was kommt"

16. August 2001, 08:26
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Die AktivistInnen berichteten dem STANDARD, dass es ihnen "ganz gut gehe". Sie seien aber geschlagen worden.

Wien - Ein Kleinbus, die hinteren Fenster mit Zeitungspapier verklebt, fährt 14.20 Uhr in der Wielandgasse vor dem Ernst-Kirchweger-Haus im zehnten Bezirk vor. Eine Hand voll Leute steigt aus: die ersten Heimkehrer der VolxTheaterKarawane - mit roten Augen und dem Wunsch "Ich will nur schlafen". Sie seien die ganze Nacht unterwegs gewesen, um vier Uhr morgens am Brenner angekommen. Dem Standard sagten Mitglieder der Karawane, dass es ihnen "soweit gut geht". Körperlich. Und psychisch? "Wie das halt so ist nach so was." Verletzungen von angeblichen Schlägen? "Nach drei Wochen Haft sieht man nichts mehr." In der Haft selbst sei es ihnen ganz gut gegangen, "aber die Polizei - die haben ordentlich zugelangt." Mit Stöcken hätten die Carabinieri zugeschlagen. Und Fußtritte verteilt, erzählt ein Aktivist. In Italien habe man ihnen alles abgenommen: Schlüssel, Uhr, Handy - es diene den Ermittlungen. Was jetzt geschehe, habe ihnen niemand gesagt - "wir wissen nichts".

Freunde der Heimkehrer haben gestern, Mittwoch, eine kleine Willkommensfeier organisiert. Selbst gebackene Bananenschnitten mit üppigem Schokoüberzug und Obstkuchen warteten auf die Haftentlassenen, bevor sie sich zur Ruhe begeben konnten.

Drei noch in Haft

Drei weitere Mitglieder der Theatergruppe sitzen noch im Gefängnis. Ihnen war die Haftentlassung wegen eines Formalfehlers verweigert worden.

Der Formalfehler besteht darin, dass die Anwälte der noch in Haft sitzenden Karawane-Mitglieder bereits die Aufhebung der U-Haft beantragt hatten, noch ehe sie über ein per Unterschrift gültiges Mandat der Inhaftierten hatten. Wahrscheinlich kommen jene noch diese Woche frei.

Karawane-Sprecherin Tanja Bednar erklärte dem Standard am Mittwoch, dass es vorerst keine Stellungnahmen der Freigelassenen gebe, "nicht, bevor nicht alle auf freiem Fuß sind." Allerdings will sich der Anwalt der Gruppe heute, Donnerstag, noch einmal zu den Umständen der Freilassung äußern.

Politische Reaktionen

Außenministerin Benita Ferrero-Waldner äußerte sich über die Enthaftung der 13 Österreicher bereits am Dienstag zufrieden. Zugleich kündigte sie an, sich weiter für die Freilassung der bis auf weiteres einsitzenden VolxTheater- Mitglieder einzusetzen. Kritik an ihrem Vorgehen wies die Außenministerin als "Versuche, aus der Verhaftung innenpolitisches Kapital zu schlagen", zurück. "Diese öffentliche Stimmungsmache zur politischen Profilierung" habe "nichts zur Freilassung" beigetragen. Sie hingegen habe sich vom ersten Tag an für die Österreicher eingesetzt.

Auch der VP-Sicherheitssprecher Paul Kiss zeigte sich, ebenso wie Exponenten der SPÖ, der Grünen und der KPÖ "erleichtert". Die außenpolitische Sprecherin der Grünen, Ulrike Lunacek, meinte allerdings: "Auch wenn seitens der Botschaft und des Konsulats Hilfe organisiert wurde und bis zuletzt aufrecht geblieben ist, so hat das politische Engagement der Außenministerin gefehlt." Dies werde parlamentarische Folgen haben.

Neue Vorwürfe

Der Wiener Gemeinderat Martin Margulies (Grüne) übte heftige Kritik an Innenminister Ernst Strasser (ÖVP): "Die politische Verantwortung für diesen Skandal trägt Strasser." Er habe die Theatergruppe vernadert. Margulies fordert einen Untersuchungsausschuss, um die Angelegenheit zu klären.

Die Wiener Stadtzeitung Falter wirft dem Innenminister in ihrer neuesten Ausgabe vor, dass Beamte seines Ressorts die italienischen Behörden mit vorverurteilenden Materialien versorgt hätten. Dies scheine in einem Bericht des italienischen Anti-Terror- Chefs Spartaco Mortolo auf. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 16.8.2001)

Christoph Prantner

Andrea Waldbrunner
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