High Noon für Anton Bruckner

15. August 2001, 20:30
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Die Philharmoniker mit Riccardo Muti - "Amadeus Award" überreicht

Salzburg - Maria Himmelfahrt in Salzburg. Alles wie in der guten alten Zeit. Das Programm voller Oldies. Die Philharmoniker. Zwar nicht mehr Karajan. Riccardo Muti ist aber auch nicht schlecht. Das Fernsehen ist auch da. Da ist es einmal nichts mit der berühmten Öffnung des Programms. Die Gegenwart wird einen Vormittag lang im drucknassen Folianten des Intendanten untergebracht.

Dort hat sie's ja wirklich auch sehr schön. Fast mehr noch als die Frage, wie Riccardo Muti mit Joseph Haydns Symphonie mit dem Paukenschlag und mit Anton Bruckners Sechster umgehen wird, mochte (insbesondere die weibliche Klientel) wohl die Frage interessiert haben, wie hübsch sich der Maestro für den exponierten TV-Termin wohl zurechtgemacht hat.

Diesbezüglich wurde keine enttäuscht: Wie schimmernder, edelster Samt umrahmte das dunkle Haar sein stolz erhobenes Haupt. Und auch im Hinblick auf Haydn keine(r). Während dieser Symphonie fuhr nicht nur Maria in den Himmel. Du lieber Himmel! Diese Philharmoniker! Sie verstehen ihr Haydn-Geschäft. Diese Virtuosität, diese Brillanz, dieses Tempo! Und dazu auch noch die Akkuratesse. Vor allem aber: dieses ganze Feuerwerk an Meisterschaft getragen von natürlichster Musikalität. Ihre strahlenden Gesichter signalisierten auch das völlige Einverständnis mit Muti, dem Haydn mitunter so richtig in die zu manchem Tanzschritt bereiten Beine fuhr.

Während all dieser Wonnen keimte die Frage auf, ob die Philharmoniker überhaupt einen Dirigenten brauchen und ob sie nicht auch Jennifer Lopez auf dem Podium posieren lassen könnten. Falscher Verdacht: Sie brauchen einen. Und, wenn es um Anton Bruckner geht, nicht unbedingt Muti. Das war eine bittere Mittagsstunde. High Noon für Anton Bruckner.

Da konnten erstaunlicherweise die Philharmoniker, die sich ja auch auf das Bruckner-Geschäft bestens verstehen, so gut wie nichts retten. Schon die ersten Morsezeichen der Streicher verrieten: Hier befinden sich alle auf dem falschen Dampfer. Obendrein wurden die Dampfer auch ständig gewechselt. Bald schien Muti eine Stückchen Verdi, bald ein Stückchen Puccini herauszupicken, bald etwas Mahler und noch mehr Strauss. Außerdem fehlten allen diesen Dampfern die Stabilisatoren, um die dynamischen Differenzen zwischen den einzelnen Gruppen auszugleichen. Dass Bruckner dabei unterging, schien auch das Publikum zu spüren. Man hörte sogar ein rares Buh.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 8. 2001)

"Amadeus Award" überreicht

Salzburg - Dirigent Riccardo Muti und den Wiener Philharmonikern wurde am Mittwoch nach ihrer Festspielmatinee in Salzburg der "Amadeus Austrian Music Award 2001" in der Sparte "Klassik KünstlerIn oder Gruppe/Ensemble des Jahres" übergeben. Damit würdigte eine 500-köpfige Jury aus der Musikbranche die Leistungen dieses musikalischen "Gespannes" beim Neujahrskonzert 2000. (APA)

Von
Peter Vujica

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