Wie Raumfahrt im Alltag nutzt

15. August 2001, 10:06
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Elektronische Nasen und "coole" Kleidung nicht nur in den unendlichen Weiten

Weltraumtechnik steckt heute schon in vielen Kinosesseln: Das Material, das Satelliteninstrumente vor der ungeheuren Hitze beim Start der Raketentriebwerke schützt, macht auch die Stuhlpolsterung nahezu unbrennbar. Technik aus der Raumfahrt erleichtert längst an vielen Stellen Alltag und Forschung. "Spin- Offs" nennen es die Raumfahrtexperten, wenn Technologie aus ihrem Feld als gern gesehener "Nebeneffekt" auf der Erde Verwendung findet. Und das ist ziemlich oft der Fall. So entstehen etwa bessere Motoren, Roboter, Sensoren und Computer.

Jede 13-Jährige besser als Neil Armstrong

Die meisten 13-Jährigen haben heute mehr Computer-Power in ihrem Zimmer stehen, als Neil Armstrong in seinem Apollo-Mondlande-Modul vorfand. In vier Jahrzehnten Raumfahrt haben auch die Europäer zu dem rasanten Technologie-Fortschritt beigetragen, der dann in vielen Fällen wieder auf den Boden des Planeten zurückgekehrt ist. Mehr als 50 Beispiele dafür hat die Europäische Weltraum-Organisation ESA zusammengestellt. Dazu gehören Verbesserungen bei der drahtlosen Kommunikation und Sensoren, die feinste Risse und Vibrationen melden.

Supernova-Technologie gegen Hautkrebs

Bemerkenswert ist vor allem der medizinische Nutzen von Raumfahrt und Astronomie. So hatten Wissenschafter vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik ein Rechenverfahren entwickelt, um schwache Röntgenstrahlen von explodierenden Sternen (Supernovae) und Schwarzen Löchern im Weltall genau orten zu können. Münchner Mediziner halfen dann dabei, daraus ein System zur genauen Früherkennung von Hautkrebs zu entwickeln. Und ein spezieller Silikon-Chip, der gefährliche Strahlung im All feststellt, kann seinerseits die Herz- und Krebsbehandlungen wirksamer machen - der fortentwickelte Chip "dosiert" präzise Betastrahlung, die Arterien-Verstopfungen verhindern soll.

Rotierende Solarzellen in Rennautos

Beim Antrieb ist Weltraumtechnologie ebenfalls "bodenständig" im Einsatz. Rotierende Solarzellen, die für das Hubble-Teleskop entwickelt wurden, helfen in diesem Jahr einem der weltweit besten Solar-Rennautos, bei der World Solar Challenge im November in Australien auf Touren zu kommen. Es handelt sich um das Fahrzeug des niederländischen Alpha-Centauri-Teams. Brennstoffzellen, die von europäischen Weltraum-Ingenieuren entwickelt wurden, werden die Autos von morgen antreiben, verspricht die ESA. Sie weist auf den rapiden Fortschritt dieser Technik bei Mercedes hin, nachdem die Autobauer das Raumfahrtunternehmen Dornier übernommen hatten. Mehrere neue Typen mit Methanol-Brennstoffzellen sind bereits angekündigt.

"Elektronische Nase" sorgt für Sicherheit

Die "elektronisch Nase", die auf der russischen Mir-Station vor gefährlichen Dämpfen warnen sollte, kann längst ganz feine Gerüche wahrnehmen, wie sie krank machende Bakterien bei Infektionen abgeben. Ein empfindlicher Sensor, der die Millimeter-Arbeit eines Roboters auf der Internationalen Weltraumstation (ISS) garantieren soll, dürfte bald den Polizeibehörden bei der Überprüfung von Fingerabdrücken zur Seite stehen. Und "coole Mode" aus dem Weltall stellt die luftgekühlte Schutzkleidung für Feuerwehrmänner und Motorradfahrer dar, die eine spanische Firma aus Europas Astronautenkluft gefertigt hat.

Weltraum-Radar gegen Landminen

Mit Hilfe eines Weltraum-Radars lassen sich vergrabene Landminen besser finden. "Kluge" Kameras übernehmen die Qualitätskontrolle von Textilien und von Keramik. Und die Software, wie sie auf Satelliten zur Beobachtung des Planeten Erde eingesetzt wird, können Ärzte bald nutzen, um den Blutfluss bei Schlaganfall-gefährdeten Patienten zu überprüfen. Die Liste der "Spin-Offs" ist lang. Europas Beteiligung an der Internationalen Raumstation, die geplanten Flüge zum Mars und die Entwicklung vor allem kleinerer Satelliten, die "Miniatur- Technik" benötigen, werden künftig sicherlich noch deutlich mehr solcher Nebeneffekte der Raumfahrt im Alltag auftauchen lassen. (Von Hanns-Jochen Kaffsack/APA/dpa)

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