Sentimentale Pilgerstätte renoviert

16. August 2001, 19:06
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Nun kann am Schauplatz einer "kurzen Begegnung" die eine oder andere Träne zerdrückt werden

Für viele wäre es wohl Ricks Café Américain aus "Casablanca", wenn es denn existierte. Für nicht wenige gibt es allerdings auch einen anderen klassischen Schauplatz sentimentaler Überladung. Der noch dazu den Vorteil hat, real und somit als Pilgerziel tauglich zu sein. In voller Pracht jedenfalls ab Sommer 2002.

Die Rede ist vom nordenglischen Bahnhof von Carnforth, dem Hauptschauplatz von David Leans still-tragischer Romanze "Brief Encounter" (etwa "Kurze Begegnung") aus den Jahren 1945/46, basierend auf einem Stück von Noel Coward. Weil die Handlung mit ihrer allumfassenden Dezenz so erz-altvatrisch-britisch ist und außerhalb Englands die innigsten Anhänger in Kulturkreisen mit starkem Hang zu Zurückhaltung und Repression findet (Japan etwa), ein paar einleitende Worte:

Trevor Howard, ein Archetyp der "steifen Oberlippe", spielt einen Doktor, der in einer Bahnstation während des Zweiten Weltkrieges auf eine nicht glücklich Verheiratete, gespielt von Celia Johnson, trifft. Auftakt zu einer immer innigeren, letztlich aber nie konsumierten Affäre. Rücksicht auf Konventionen und Umstände verhindern den von den Zusehern so herbeigesehnten Ehebruch; Situationen des Verabschiedens am Bahnsteig werden emotionell enorm aufgeladen. Anders gesagt: Die Stimmung ähnelt der von Wong Kar-Wais "In the Mood for Love"; nur halt nördlich-frostiger.

Nachdem der Bahnhof als Besuchsziel von all den Leuten mit dem Hang zum "Was hätte sein können, wenn..." immer mehr nachgefragt wurde, war das Entsetzten groß, als Pläne zum Abriss der schon reichlich desolaten Gebäude durchsickerten. Die internationale Fangemeinde rappelte sich zu Resolutionen und schließlich zu einer Sammeltätigkeit auf, die umgerechnet etwa 25 Millionen Schilling erbrachte. Mit weiteren 12 Millionen der Eisenbahn konnte dann die Renovierung dieses Denkmals des Sentiments begonnen werden.

Der Drehort des ersten großen Erfolges von David Lean ("Lawrence von Arabien ", "Doktor Schiwago" etc.) wurde also detailversessen rekonstruiert, mit Wartehalle, Buffet und Auskunftsschalter. Wichtigstes, weil symbolbeladenstes Objekt war freilich die Bahnhofsuhr, im Film die ständige Ermahnung an die für ein finales Geständnis, für einen finalen Entschluss verstreichende Zeit. Dieser beliebteste Hintergrund für "Ich-war-hier!"-Fotos konnte erst nach einiger Recherche bei einem Londoner Altwarenhändler gefunden werden.
(hcl auf Basis von Reuters)

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