"Labour-Traum" zu Ende: In Großbritannien wachsen die Sorgen

14. August 2001, 15:53
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Tony Blair macht die lahmende Weltwirtschaft für die Probleme verantwortlich

London - Das Labour-Wirtschaftswunder ist erst einmal zu Ende. Zwar reklamieren der seit 1997 regierende britische Premierminister Tony Blair und sein Finanzminister Gordon Brown die Boom-Jahre für sich. Für die düsteren Aussichten der Konjunktur, die Einbrüche in der Industrie und die lahmende Dienstleistungsbranche ist die "globale wirtschaftliche Verlangsamung" verantwortlich. Wer in Downing Street 10 anfragt, um die offizielle Deutung der britischen Konjunktur zu erfahren, dem wird beschieden, Brown habe doch längst erklärt, "dass sich kein Land aus der Weltwirtschaft auskoppeln kann".

Wie groß ist der Einbruch?

Die Frage, die sich die Experten in London nun stellen, ist, wie groß und gefährlich ist der Einbruch eigentlich? Die britische Industrie befindet sich bereits offiziell in der Rezession: Die Produktion war im zweiten Quartal zwei Prozent niedriger als im ersten und um 1,3 Prozent niedriger als im Jahresvergleich. Das sind die schlechtesten Zahlen seit zehn Jahren.

100.000 Arbeitsplättze verloren

Seit Jahresanfang haben 100.000 Beschäftigte der Industrie ihre Arbeitsplätze verloren. Seit Monaten klagen die Unternehmen immer wieder, sie müssten an zwei Fronten kämpfen: Einerseits ist das Pfund Sterling seit mehr als zwei Jahren grotesk überbewertet - und das teure Pfund hindert Exporte. Andererseits hat weltweit die Nachfrage nachgelassen, vor allem in den USA. "Besonders alarmierend ist die die Breite des Einbruchs: Sowohl alte als auch neue Branchen stehen vor schwierigen Zeiten", sagt Ian Fletcher von der Britischen Handelskammer. Die oppositionellen Konservativen beschuldigen zudem die Regierung, durch zu viele Vorschriften und zu viel Bürokratie den Unternehmen das Leben schwer zu machen.

Industrie erarbeitet nur 20 Prozent des BIP

Im Finanzministerium wird darauf verwiesen, die Industrie mache mit ihren rund vier Millionen Beschäftigten schließlich nur 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. Viel schlimmer wäre es, falls der Dienstleistungsbereich, der für zwei Drittel des BIP verantwortlich ist, auch schwächelte.

Aber genau das scheint einzutreten. Erstmals verlangsamte sich das Wachstum der Branche Ende Juli so stark, dass zwar noch nicht von Rezession, wohl aber von Stagnation gesprochen wird. Die Zahlen des Chartered Institute of Purchasing and Supply (CIPS), die Rückgänge in allen Dienstleistungsbereichen mit Ausnahme der Informationstechnologie auswiesen, schockierten die Bank von England so sehr, dass sie völlig überraschend - noch vor Veröffentlichung der CIPS-Erkenntnisse - den Leitzins auf einen neuen Tiefstand von 5,0 Prozent senkte. "Der Dienstleistungssektor ist überraschend schwach", konstatierte Jeremy Hawkins von der Bank of America überrascht.

Niedrige Zinsen erhöhen Immobilienpreise

Die niedrigen Zinsen haben einerseits für einen atemberaubenden Anstieg der Immobilienpreise (nach wie vor im zweistelligen Bereich) und für Konsumgüternachfrage mit zunehmendem Handelsbilanzdefizit gesorgt, andererseits jedoch nicht der Industrie helfen können. Zwar sinkt Pfundkurs wieder, ob dies aber ein dauerhafter Trend ist, bleibt abzuwarten. Die Regierung Blairs verweist voller Stolz auf niedrige Zinsen und niedrige Inflation. Aber die Inflation liegt jetzt nur noch 0,2 Punkte unter dem selbst verordneten Limit von maximal 2,5 Prozent. Und das BIP-Wachstum wird nach der neuesten Prognose der Notenbank "leicht unter" den von Brown ursprünglich vorhergesagten zwei Prozent liegen.

Dienstleistungssektor präsentiert Zahlen

Voller Spannung werden in der Finanzmetropole nun die nächsten Zahlen vom Dienstleistungssektor Großbritanniens erwartet: Von ihnen wird abhängen, ob die Angst vor einer Rezession wächst, die von den meisten Analysten mit Hinweis auf das immer noch ansehnliche BIP-Wachstum für nicht akut gehalten wird. In der Londoner City kennt man das Problem aus eigener Erfahrung: Die Zahl der Beschäftigten in den Finanzbereichen ist von 300.000 um 10.000 gefallen, alleine die Investmentbanken haben 5.000 hoch bezahlte Banker auf die Straße gesetzt. Die Zahl der Firmenübernahmen hat sich halbiert - ein sicheres Zeichen für unternehmerische Vorsicht. (apa/dpa)

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