Burgenländisches Ehepaar vernachlässigte seine Kinder

14. August 2001, 22:02
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Vater arbeitslos, Mutter überfordert, Kinder unterernährt, verwahrlost und entwicklungsgestört - beide verurteilt

Eisenstadt - Ein burgenländisches Ehepaar - der Mann 36 Jahre alt, die Frau 30 - wurde am Dienstag im Landesgericht Eisenstadt wegen Vernachlässigung von vier seiner insgesamt sechs Kinder schuldig gesprochen und verurteilt. Was der Einzelrichter und die Staatsanwältin zu hören bekamen, erschreckte: Die Kinder - Buben heute im Alter von drei, fünf, sieben und acht Jahren - waren unterernährt, ungepflegt und wegen mangelnder Förderung durch ihre Eltern und fehlender emotionaler Zuwendung sogar entwicklungsgestört. Das Gericht verfügte die Abnahme aller sechs Kinder.

"Er war selten nüchtern"

Der Noch-Ehemann (das Paar lebt in Scheidung) erschien gar nicht zur Hauptverhandlung, er entschuldigte sich in letzter Minute. Die Mutter erklärte, dass sie sich "total überfordert gefühlt" habe. Wenn der Mann nüchtern gewesen sei, habe er sich um seine Sprösslinge gekümmert, aber "er war selten nüchtern", schilderte sie.

Sozialarbeiterin nimmt die Kinder mit

Als eine Sozialarbeiterin am Abend des 10. August 2000 in die Wohnung der Familie kam, bot sich ein fürchterliches Bild: Die Kinder waren spärlich bekleidet und verschmutzt, auffallend ruhig und "wirkten wie Puppen", so die Zeugin vor Gericht. In der Wohnung roch es nach Staub, Müll und Moder, im Kühlschrank lagen verschimmelte Lebensmittel, das Schlafzimmer war "ein einziger Wäschehaufen, lediglich ein Trampelpfad führte zum Fenster".

Im Kinderzimmer war auch das Gitterbett mit Wäsche gefüllt, die übrigen Betten waren verwahrlost und nur zum Teil mit Bettwäsche bezogen. "Für mich hat es keinen Zweifel gegeben, dass ich da nicht ohne Kinder rausgehe", so die Sozialarbeiterin.

Familienhelferin seit 1994

Die Jugendwohlfahrt war seit 1994 immer wieder mit Problemen dieser Familie konfrontiert, die Abnahme der Kinder "war immer ein Thema". Man entschloss sich aber, eine Familienhelferin zu organisieren, die Situation verschlechterte sich trotzdem. Versäumnisse wollte sich die Vertreterin des Jugendamtes aber nicht vorwerfen - "wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, schon, mit damaligem Wissensstand nicht".

Auch jene Sozialpädagogin, die heute fünf der sechs Kinder betreut (das Jüngste, ein zweijähriges Mädchen, ist bei einer Pflegefamilie), zeigte sich noch nachträglich geschockt: "Ich habe schon viel erlebt in meinem Beruf, aber das hat mich wirklich erschüttert." So hatte der Dreijährige den Entwicklungsstand eines Eineinhalb- bis Zweijährigen und lernt erst in seinem neuem Umfeld langsam sprechen.

Unterentwickelt

"Banale Dinge", wie der Umgang mit Messer und Gabel, waren den Kindern nicht vertraut, die Toilettenspülung war ihnen unbekannt, ebenso das Zähneputzen. Als jedes der Kinder erstmals mit Zahnbürste und Zahnbecher ausgestattet wurden, fühlten sie sich "im Paradies", wie der Älteste - heute zehn Jahre alt und normal entwickelt - seiner Pflegemutter erklärte.

Die Mutter der sechs Kinder wurden zu einer bedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Sie arbeitet und versucht, wieder eine Wohnung zu bekommen, um die fünf Buben und das Mädchen zurückfordern zu können. Der Mann, der seine Frau geschlagen hat und daher auch wegen Körperverletzung verurteilt wurde, bekam eine einjährige Freiheitsstrafe, davon zwei Monate unbedingt. Die Urteile sind nicht rechtskräftig. (APA)

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