A.'s erste Bürgerinitiative

20. August 2001, 17:33
posten
"Ich kenne Ihren Chef." Irgendwann ist jeder so weit. Reif für die erste Bürgerinitiative. Bei A. geschah es vor einigen Wochen. Sie hatte eine Bürgerversammlung besucht. Und ehe sie sich hingesetzt hatte, waren sie schon da. Der singende Burgschauspieler. Die bekannte Sexualtherapeutin. Der wichtige Kommerzialrat. Anrainer. Innenstadt. Lauter bessere Leute. "Hier leben nur bessere Leute", hatte einer gesagt. Wörtlich.

Wenn solche wo dagegen sind, ist das in Ordnung, denen die darüber berichten, zu zeigen wo Gott wohnt. "Ich kenne Ihren Chef," sagte der burgschauspielende Sänger als A. hereinkam. "Ich kenne Ihren Chef", hauchte die Therapeutin, als A. sich vorstellte. "Ich kenne Ihren Chef" grunzte der Kommerzialrat in den Handkuss. Den fand A. deplaziert – aber schließlich war das eine Pressekonferenz von besseren Leuten. Sie waren gegen ein Bierlokal, das in die City sollte.

Aus Platzgründen hat A. in ihrer Story dann ein paar Details ausgelassen. Etwa dass der weltgewandte Chansonier das Bier in der Stadt ablehnte, weil minder intelligente Landmenschen nicht in die Stadt sollten. Oder dass die bekannte Therapeutin anbot, zwischen Anrainern und Projektwerbern zu vermitteln. Falls der Bierhüttenaufsteller anderswo zu errichten gedächte. Oder dass der Kommerzialrat meinte, in die Innenstadt gehöre kein Bier, weil es hier viele Akademiker gäbe.

Von alledem ahnte die Bürgerinitiative nichts. Kraft Bürgerinitiativseins fühlte sie sich im Alleinbesitz von Wissen, Wahrheit und Erleuchtung. Tolerant wie die Taliban. Selbstkritisch wie Kurt Krenn. Dass Kollegin A. das Unerhörte wagt, hatten sie nicht erwartet: Obwohl ihr die Bierlokalidee sympathisch war, wie eine Anthraxkollonie im Kinderheim sprach sie mit dem "Feind". Sie veröffentlichte sogar, was er sagte. So etwas ist unverzeihlich. Für bessere Leute. Noch dazu wenn die den Chef kennen.

"Tu's nicht", hatten die Kollegen – bürgerinitiativenerprobt – gewarnt. "Es bringt nichts." A. hörte nicht. Drum fühlte sie: Die Bürgerinitiative rief an. Und zwar jedes Mitglied. Mehrmals. Bei A. Bei ihrem Chef. Dann wieder bei A. Einige Zeit versuchte A. zu diskutieren. Dann legte sie den Hörer neben das Telephon und aktivierte die Filtersoftware ihres E-Mail-Programmes. Dann wurde sie zum Chef gerufen.

Wenige Minuten lachte A. wieder: Ihr Chef hatte ein wenig unter dem Jammer seiner Bürochefin gelitten. Die hatte mit der halben Wiener Innenstadt über Bier diskutiert und war dementsprechend entnervt. "Wissen Sie A.", hatte A.'s Chef gesagt und geschmunzelt, "die kennen mich. Und ich kenne die. Und jetzt kennen Sie sie auch." Nächste Woche wird A. wieder über die Bürgerinitiative schreiben. Sie freut sich schon darauf.

NACHLESE

--> Nepals schlafende Hunde
--> Die 70-Tage-Hose
--> Mein Schulterschluss mit Heinz Christian Strache
--> Der Aufesser
--> 250 rote Autos
--> Mutig am Gummiband
--> Der Mann, der Taschen stehen lässt
--> Nachtpanoramabalkon
--> Fridaynightskating im Museumsquartier
--> Europride und Versteckspieler
--> Hofmanns Empfehlungen
--> American Graffiti gone Superproll
--> Von Männern mit Kindern
--> Lügen haben falsche Namen
--> Mit Georg am Pool
--> Und du steigst ein
--> Staub seid Ihr und Staub schluckt Ihr
--> Smells Like Teen Spirit
--> Garagen - Mehrfachnutzung
--> So modern und lebensfroh
--> Ausländerfrei
--> Jörg Haider hat für Y. keine Zeit
--> Frühlingskondome und Absatzkurven
--> Mein Hydrant heißt Hrdlicka
--> Ach ja, Ärzteschwemme
--> Ich habe den Rülpscontest übersehen
--> Die Geschichte der O.
--> Feenfieber- fernsehgrippeland
--> The Voice
--> Der Mann mit der Barbie - Puppe
--> Der Dreck am Internet
--> "Warum sind wir eigentlich noch hier?"
--> Hello, I'm Chello
--> Das Dessous
--> Ein Adventspaziergang
--> Wenn die graue Sonne im Norden aufgeht
--> Lehnen wie Helmut Zilk

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg
Dienstags auf derStandard.at/ Panorama
Share if you care.