Nach Lipobay-Todesfällen: Österreichische Experten warnen vor Panik

14. August 2001, 13:43
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Lipobay führte bei oberösterreichischem Patienten zur Muskelauflösung

Linz/Wien - Trotz der rund 52 Menschen, die in Zusammenhang mit der Einnahme des Cholesterin-Senkungsmittel Lipobay gestorben sein könnten, warnten österreichische Experten am Dienstag, bei einer Pressekonferenz in Wien vor einer Panik.

"Nicht eigenständig absetzen"

"Die Patienten sollen die Medikamente auf gar keinen Fall selbstständig absetzen, sondern unbedingt mit ihrem Arzt Rücksprache halten", sagte Prim. Univ.-Prof. Dr. Fritz Hoppichler von der Internen Abteilung des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder. Falls die Betroffenen ihre Tabletten über längere Zeit nicht einnehmen, steige ihr Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, um 30 Prozent.

14.000 Betroffene in Österreich

In Österreich nehmen etwa 200.000 Menschen sogenannte Statine, welche die Blutfette im Körper reduzieren. Lipobay, damit wurden rund 14.000 Betroffene behandelt, ist eines von sechs derartigen Präparaten, die hier zu Lande zugelassen sind. "Statine sind sehr wertvolle Medikamente, der Nutzen für die Patienten ist unbestritten", sagte Univ.-Prof. Dr. Hermann Toplak von der medizinischen Universität Wien. Dank dieser Mittel - die in der Regel nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall eingenommen werden - wurde die Sterbensrate dieser Gruppe deutlich gesenkt.

Weltweit 90 Millionen Menschen

Trotz der Todesfälle gehören Statine zu "den weltweit am besten dokumentierten Medikamenten", sagte Hoppichler. "In Deutschland und Österreich sterben täglich ein bis zwei Menschen auf Grund von Magenblutungen nach der Einnahme von Antirheumatika", zog der Primar einen Vergleich mit anderen Mitteln. Mit Statinen würden weltweit 90 Millionen Menschen behandelt, Nebenwirkungen seien - trotz der dramatischen Fälle bei Lipobay - selten.

Die Betroffenen spüren etwaige Nebenwirkungen von Statinen anfangs wie einen Muskelkater. "Wir sagen auch den Patienten, dass sie dann zu uns kommen und das Medikament absetzen sollen", sagte Hoppichler. Bei schweren Fällen könne mit einer Blutreinigung geholfen werden. "Das ist aber sehr selten", so der Primar.

Verunsicherung der Patienten

Die Verunsicherung der Patienten konnten die Experten aber freilich nachvollziehen. "Die Menschen kommen jetzt vom Urlaub zurück und haben in den Medien davon gelesen, viele wissen nicht, ob ihr Medikament überhaupt betroffen ist", sagte Prim. Univ.-Doz. Dr. Harald Kritz, der ärztliche Leiter der Kurananstalt Engelsbad. Die Information der Betroffenen sei zudem nicht optimal verlaufen. Aber auch Kritz unterstrich, dass der Einsatz von Statinen zum Senken der Blutfette ohne Alternative sei. "Gefährlich ist nur, wenn die Betroffenen ihre Therapie abbrechen", so Kritz.

Eigentlich sichere Medikamente

Die Experten verwiesen erneut darauf, dass Statine bei ärztlicher Überwachung sehr sichere Medikamente sind. Die Todesfälle in den USA seien, so weit bekannt, entweder auf eine viel zu hohe Dosierung oder auf eine Kombination mit dem Cholesterinsenker Gevilon (in Amerika frei erhältlich, in Österreich rezeptpflichtig) zurückzuführen. Beide Varianten seien für Österreich unwahrscheinlich. Bereits Mitte Juli habe das Gesundheitsministerium zudem die Verordnung von Lipobay gemeinsam mit Fibraten untersagt.

Todesursachen noch ungeklärt

Welche Ursachen den Todesfällen in Deutschland zu Grunde liegt, dessen Gesundheitssystem ähnlich dem österreichischen ist, sei noch nicht bekannt, kritisierte Toplak. "Wir haben keinen genauen Einblick in die Dokumentationen", so der Primar.

Kritik äußerte der Vizepräsident der Apothekerkammer Wien, Mag. Max Wellan, an der Informationspolitik des Lipobay-Herstellers Bayer nach der Rücknahme des Medikaments. "Es wurden zuerst die Aktionäre und erst danach die Betroffenen verständigt", so Wellan. Dies sei zwar aktienrechtlich so vorgeschrieben, auch "aber wohl ein Zeichen der Zeit".

Patient mit Muskelauflösung in Oberösterreich

Die Einnahme des Medikaments Lipobay hat in Oberösterreich bei einem Patienten nach vier Wochen zur Muskelauflösung geführt. Der Mann sei offensichtlich bereits in ernster Gefahr gewesen. Dem Ottensheimer war das Medikament nach einem Herzinfarkt verschrieben worden.

Der Mann hatte im April einen Herzinfarkt erlitten. Wegen der - genetisch bedingten - schlechten Cholesterinwerte wurde ihm Lipobay verordnet, das Medikament sollte vor allem das LDL-Cholesterin niedrig halten. Bei einer Rehabilitationskur im Juni in Bad Ischl wurden bei dem Mann im Zuge eines Bluttestes allerdings auch Enzyme gemessen, die bei einer Muskelauflösung entstehen. Entsprechende Zahlen - betreffend den Herzmuskel und die Skelettmuskulatur - betrugen eine Vielfaches des Idealwertes. Eine zweite Analyse in einem anderen Labor habe die "Horrorergebnisse" bestätigt, so der Patient gegenüber den OÖN.

Weil die Ärzte die Verwendung von Lipobay als Auslöser für die schlechten Blutwerte in Verdacht hatten, setzten sie das Medikament ab. Zehn Tage später waren wurden deutlich bessere Werte festgestellt. Der Patient hatte sich nach dem Herzinfarkt anfänglich gut erholt, ab dem Zeitpunkt der Einnahme von Lipobay hatte er sich "dauernd müde" gefühlt.

Der Mann sei in ernster Gefahr gewesen und habe Glück gehabt, dass die beginnende Muskelauflösung so rasch erkannt wurde, erklärte der Chefarzt der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse, Maximilian Gstöttner. (APA)

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