Internationale Zeitungen zum Mazedonien-Vertrag

14. August 2001, 10:24
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Abkommen als Farce?

Zürich/Berlin/Moskau/Paris/Kopenhagen/Rom - Die Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen den slawischen und albanischen Parteien Mazedoniens ist am Dienstag in der europäischen Presse vor allem auf Skepsis gestoßen.

"Neue Zürcher Zeitung" (NZZ):

"Auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden liegen noch viele Hürden und Fallen. (...) Die Vermutung liegt nahe, dass beide Kampfparteien versuchen werden, die NATO für ihre Zwecke einzuspannen: Die UCK, indem sie versucht, das von ihr besetzte Territorium durch eine NATO-Präsenz definitiv der Souveränität des mazedonischen Staates zu entziehen. Die mazedonischen Kräfte könnten auf eine Konfrontation zwischen der NATO und den Rebellen hinarbeiten. Es fehlt nicht an Stimmen, welche der NATO eine aktive Rolle bei der Sicherung des Territoriums übertragen möchten. Dies aber ist nicht Teil der Waffensammelaktion 'Essential Harvest', die sich strikt darauf beschränkt, das entgegenzunehmen, was freiwillig ausgehändigt wird."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ):

"Für ihren jahrelangen gewaltfreien Widerstand unter ihrem Führer Ibrahim Rugova hatten die Kosovo-Albaner außer wohlfeilen Belobigungen vom Westen nichts erhalten. Insofern sind die albanischen Rebellen im Kosovo und jetzt in Mazedonien gelehrige Schüler Slobodan Milosevics. Ohne die glaubwürdige Bereitschaft der NATO, die UCK notfalls mit Gewalt von der Zerschlagung der Republik Mazedonien und der Schaffung eines Großalbanien oder eines Großkosovo abzuhalten, ist die Mission 'Essential Harvest' von vornherein zum Scheitern verurteilt."

"Berliner Zeitung":

"Die UCK ist ein missratenes Kind der internationalen Vermittler, die Anfang der neunziger Jahre angetreten waren, den Balkan dauerhaft zu befrieden. Wer hat es nicht gerne gehätschelt, solange im Kosovo der Gegner Milosevic hieß, und solange die UCK die Bodentruppen für die NATO-Luftwaffe stellte? Als Milosevic gestürzt war, durfte die UCK weitermachen. (...) So kann die mazedonische UCK noch heute das internationale Protektorat Kosovo als Nachschubbasis nutzen. Die NATO als Partnerorganisation der albanischen Extremisten - diesen Ruf ist das größte Militärbündnis der Welt bislang nicht losgeworden."

"Iswestija" (Moskau):

"Es scheint so, als sei diese allerletzte Chance ergriffen worden, den Krieg zu beenden. Doch für Leute, die sich wirklich auskennen, bleibt der Vertrag, der bei den EU-Vertretern solchen Jubel auslöst, ein wertloses Stück Papier. 'Da kann alles Mögliche unterschrieben werden, der Konflikt geht doch weiter', sagen Diplomaten. Tatsächlich ist die Auswegslosigkeit der Lage leicht zu erkennen."

"Information" (Kopenhagen):

"Die größte Schwäche des Abkommens liegt außerhalb des Balkans - im Westen. Die NATO hat versprochen, 3500 Mann zur Entwaffnung der albanischen Rebellen bereitzustellen. Aber erst, wenn der Frieden in Kraft getreten ist und nur vorübergehend. Wie aber kann man sich das Erreichen von Frieden ohne markante militärische Anwesenheit des Westens vorstellen? Es sieht so aus, als habe man alle Lehren aus Kroatien, Bosnien und dem Kosovo vergessen. Wenn die Dinge auf dem Balkan aus den Fugen geraten, geht es darum, mit so stark bewaffneten Kräften zur Stelle zur sein, dass man allen anderen überlegen ist."

"Liberation" (Paris):

"Die von der NATO festgesetzte Frist von einem Monat ist problematisch, sie kann nicht ausreichend sein, um eine Feuereinstellung in Mazedonien zu stabilisieren, außer wenn die KFOR-Friedenstruppe im Kosovo den Befehl erhält, die Kontrolle der Grenze zu übernehmen. Die Durchlässigkeit dieser Grenze, die heute wie ein Sieb ist, wird von den albanischen UCK-Rebellen skrupellos ausgenutzt. Die Initiative der westlichen Länder ist nicht ohne Risiko. Sie wird die UCK irritieren, die auf die Doppelzüngigkeit spezialisiert ist."

"La Repubblica" (Rom):

"Ein verstohlener Frieden an einem Ort, der aus Furcht vor Anschlägen bis zum Schluss geheim gehalten wurde. (...) Das Dokument, das den Feindseligkeiten zwischen Albanern und Mazedoniern ein Ende setzen soll, enthält nicht alles, was die Albaner forderten, aber wenig ist es nicht. Doch ob es dazu führen wird, dass die Waffen abgegeben und die Grundlagen für eine Zukunft in Wohlstand gelegt werden, ist fraglich."

"Le Figaro" (Paris):

"Der Westen konnte Mazedonien einen Friedensvertrag auferlegen. Wird er den Frieden auch durchsetzen können? Was sich im Nahen Osten abspielt - das Scheitern des Abkommens von Oslo - zeigt, wie groß der Unterschied zwischen einem Friedensvertrag und dem Frieden ist. Nun sind wir im Fall Mazedonien in Europa, und man kann nur hoffen, dass die politischen und wirtschaftlichen Argumente gefunden werden, um Albanern und Mazedoniern klar zu machen, dass der auferlegte Frieden in ihrem eigenen Interesse ist."

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Der Friedensvertrag droht zur Farce zu verkommen. Er ist nicht das Ergebnis eines Reifeprozesses der tonangebenden Politiker in Mazedonien, sondern ist nur auf Grund massiven Drucks aus Brüssel und Washington zu Stande gekommen. Der EU-Gesandte Francois Leotard und der amerikanische Diplomat James Pardew haben wochenlang auf die widerwilligen Mazedonier und Albaner eingeredet. Auf beiden Seiten drehen radikale Gruppen kräftig an der Gewaltspirale. Das haben die Waffengänge der letzten Tage überdeutlich gezeigt."

"El Pais" (Madrid):

"Man kann nur hoffen, dass der Vertrag entgegen allen Prognosen einen Nutzen hat. Nur die wenigsten Mazedonier, welcher Volksgruppe sie auch angehören, glauben, dass das beinahe in aller Heimlichkeit unterzeichnete Abkommen der Gewalt ein Ende setzen wird. Die Bezeichnung 'historisch', mit der die Repräsentanten der NATO und der EU das Abkommen versahen, ist schon gar nicht gerechtfertigt. Das größte Problem besteht in der Entwaffnung und Auflösung der Guerilla. Dass die aus dem Kosovo eingedrungenen Aufständischen ihre Waffen abgeben und das von ihnen kontrollierte Gebiet verlassen, erscheint angesichts der realen Lage völlig undenkbar."

"De Standaard" (Brüssel):

"Dass der Zustand noch sehr brüchig ist, zeigte sich an der Zeremonie zur Vertragsunterzeichnung. Eine schöne Pracht mit glänzenden Füllfederhaltern, Ansprachen, viele Fernsehkameras und kräftiges Händeschütteln, um zu unterstreichen, dass die Friedensvereinbarung für Mazedonien einen 'historischen' Augenblick markiert. So hatten westliche Unterhändler es gewollt. Aber die slawischen und albanischen politischen Parteien in Mazedonien haben nicht darauf gehört und wählten eine diskrete Zeremonie in einem langweiligen Saal der Präsidenten-Residenz mit nur wenigen Fernsehkameras. Das alles, um die slawisch-mazedonischen Hardliner und die albanischen Rebellen von der 'Nationalen Befreiungsarmee' nicht allzu sehr aufzuregen." (APA)

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