Läuse, Wanzen und der Mensch als Paket

13. August 2001, 20:01
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In Wien gibt 's eine kleinformatige "Sandlerzeitung" - nein, also nicht doch, was Sie schon wieder denken! Konträr! Denn der "Augustin", obwohl Boulevardzeitung, und zwar nach Selbstbeschreibung die erste österreichische, unterscheidet sich in seiner Blattlinie in vieler Hinsicht von der "Kronen Zeitung". Etwa in humanitären Fragen, weshalb der "Augustin" in einer Koexistenz mit der "Krone" kein Problem zu haben scheint.

Umgekehrt ist es nicht so. Vorigen Freitag musste Kampfreimer Wolf Martin gegen die Gefahr ausrücken, die Obdachlosenzeitung könnte seinen Herrn und Meister auf dem Boulevard um einige Schillinge bringen: In Wien gibt 's eine Sandlerzeitung,/ die hofft auf weiteste Verbreitung./ Doch ist 's ums Geld für sie zu schad, denn sie schreibt trocken, öd und fad/ und unterhaltend keine Spur/ von Sandler-Fachproblemen nur./ Da hilft 's auch nichts im Großen, Ganzen,/ wenn lästig wie die Läus und Wanzen/ des Blättchens Kolporteure sind./ Nur bessrer Wert ist 's, der gewinnt!

Den "Krone"-Boss mag am "Augustin" besonders reizen, dass der die Hälfte des Verkaufspreises an seine Verkäufer/innen weitergibt. Aber höchstens zur Weißglut, nicht zur Nachahmung, obwohl gerade er es sich durchaus leisten könnte, ein wenig Menschlichkeit auch außerhalb der Tierecke zu versprühen. Menschen mit Läus und Wanzen zu vergleichen, liegt auf Wolf Martins poetischem Niveau, und ist auch sonst verleumderisch. So höflich und unaufdringlich wie "Krone"-Kolporteure sind "Augustin"-Verkäufer noch lange, jedenfalls nach meiner Erfahrung.

Und was den bessren Wert betrifft, der gewinnt, erleichtert uns ein schönes Beispiel die Entscheidung. Versuchte sich doch Wolf Martin vorige Woche in der für ihn charakteristischen Manier bei Professor Rudolf Burger einzuschleimen. Ein Denker, den die Linken ehrten,/ auf den die Etablierten hörten,/ riet unlängst tollkühn und vermessen,/ ein bisschen endlich zu vergessen/ die Nazizeit in unserm Lande/ und deutsche Schuld und deutsche Schande./ Natürlich fällt in Zornekstase/ die etablierte Tugendblase/ nun über diesen Denker her . . .

Hat ihm Rudolf Burger zu dieser Huldigungsadresse gratuliert? Hat er ihm geschrieben, dass es mir wichtig ist, von Ihnen nicht missverstanden zu werden? Noch nicht? Dürfen wir hoffen? Dem "Augustin" schon. Der hat ihm einen Artikel über Naziverbrechen gegen so genannte Asoziale sogar ironisch als "Hofphilosophen" zur Aufklärung gewidmet, aber bös ist Rudolf Burger deswegen dem Sandlerblatt nicht, wie dessen Augustnummer zu entnehmen ist.

Anderen schon. Das heuchlerische Denunziantengeschrei im "Standard", im "Kurier" und im Internet interessiert mich nicht, ich habe auf keinen dieser verleumderischen Anwürfe öffentlich geantwortet. Außer in "Format". Das Urteil einer aufgeregten Zeitgeistschickeria, die politisch und oft genug auch finanziell von der moralischen Sekundärausbeutung der Opfer lebt, ist mir gleichgültig. Ihres nicht. Sagt er dem "Augustin".

Von trocken, öd und fad ist auf dessen Seiten also keine Spur. Kein Wunder, wenn Wolf Martin seinen Versuch, in der "Krone" einer Vereinigung von Poesie und Philosophie den Weg zu bereiten, als misslungen betrachtete und seine Frustrationen loswerden wollte, indem er darauf hin die Verkäufer des Sandlerblattes zu Läus und Wanzen erklärte. Die können bestimmt nichts dafür, aber wenn man so gut von der moralischen Sekundärausbeutung der Opfer lebt, wie die "Krone" in der letzten Zeit von den Mitgliedern der Volxtheater-Karawane, kann man nicht ständig auf humanitäre Grundsätze Rücksicht nehmen. Drum tarnt sich manche Terrorgruppe,/ z. B. als Theatergruppe,/ und denkt, sie wäre so immun/ und könne alles Böse tun./ Doch nützt es ihnen nicht mehr viel./ Durchschaut ist heut ihr übles Spiel.

Und wen die "Krone" einmal durchschaut hat, der ist auch schon als Übeltäter verurteilt, da werden wir keinen Richter mehr brauchen, Rechtsstaat hin, Rechtsstaat her. Das Gesetz bin ich, lässt Dichand verbreiten - und sogar eine Außenministerin folgt reflexartig dieser Maxime, weil sie zwar weiß, worauf es ankommt, wenn man Höheres erstrebt, aber lieber nicht wissen will, dass es zwischen einschlägigen Vormerkungen in "Krone" wie Polizeicomputer und dem Urteilsspruch eines unabhängigen Gerichtes noch einen kleinen Unterschied gibt.

Exakt diese Auffassung von Recht und Humanität brachte die "Krone" neulich ihren Lesern nahe, als sie - in der ersten Ausgabe auf dem Titelblatt, später auf Seite 3 - ein Foto aus Dortmund veröffentlichte, das zwei Polizisten hoch zu Ross vor einigen gefesselt auf dem Boden liegenden Menschen zeigte. Berittene Beamte trieben die militanten Krawallmacher zusammen und verschnürten sie mit Kunststoffbändern zu "Paketen". Da lacht dem Kronisten das Herz. Titel: Kurzer Prozess.

Trocken, öd und fad, wie der "Augustin" sein soll, kann er da nicht mit. Sandler halt - die können sich nicht ungetrübt freuen, wenn zu Paketen verschnürten Menschen kurzer Prozess gemacht wird. (Günter Traxler/DER STANDARD; Print-Ausgabe, 14./15. August 2001)

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