Galapagos: Bioinvasion soll abgewehrt werden

14. August 2001, 15:14
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100.000 Ziegen stehen auf der Abschussliste

Washington - In den 80er-Jahren wanderten einige Ziegen über eine schmale Landbrücke in den Nordteil von Isabela, der größten Galapagosinsel. Heute haben sie sich auf 100.000 vermehrt und die einst üppige Vegetation in ein trockenes Grasland verwandelt, in dem die Alteingesessenen kaum mehr etwas zu fressen finden: Auf Isabela leben 3000 Riesenschildkröten, die größte der verbliebenen Populationen.

Zu ihrer Rettung werden im Frühjahr hundert Scharfschützen ausrücken, um sämtliche Ziegen zu erlegen. Hubschrauber sollen jene verfolgen, die sich auf unzugängliche Hänge flüchten. Und besonders scheue sollen von eigens trainierten "Judas-Ziegen" vor die Gewehrläufe gelockt werden. Damit eröffnen Nationalpark und Charles-Darwin-Forschungsstation eine präzedenzlose Abwehrschlacht gegen "Bioinvasoren": Es geht nicht nur um die Ziegen, es geht um all die Lebewesen - 71 Tier- und Pflanzenarten -, die es auf Galapagos nicht gab, bevor im 16. Jahrhundert erste Seefahrer und im 18. Jahrhundert erste Siedler kamen.

Sie brachten Hunde, Katzen und Schweine, die bald verwilderten und eine heimische Tierwelt fanden, die diese Räuber nicht kannte. Aber sie jagen nicht nur Leguane und rauben nicht nur Vogelnester aus, sie verändern auch Ökosysteme: Wo Schweine Blattpflanzen wegfressen, verschwindet auch deren Schatten, in den Reptilien ihre Eier legen. Und Neuankömmlinge wie Feuerameisen verwandeln ganze Regionen in Einöden.

"McEcosystem"

Das tun sie auch anderswo: "Bioinvasionen" rangieren beim Artensterben weltweit auf Rang zwei hinter Habitatzerstörung, Artenschützer fürchten ein "McEcosystem" mit überall gleichen Lebensformen. Vor allem die USA fühlen sich als Opfer und beziffern ihre Jahresverluste auf 136 Milliarden Dollar, Tendenz - mit der Globalisierung des Waren- und Reiseverkehrs - steigend.

Ob die Folgen auf großen Landgebieten wirklich so verheerend sind, ist umstritten, bei Inseln gibt es keinen Zweifel: Auf Guam pfeift kaum ein Vogel mehr, seit nach dem Zweiten Weltkrieg Militärmaschinen Schlangen mitbrachten. Auf Hawaii haust eine Vielzahl von Invasoren. Die Galapagos haben eine günstigere Ausgangsposition, 95 Prozent der Arten, die Darwin gefunden hat, existieren noch. Zudem ist die Bevölkerung klein und dem Schutz des Landes gewogener als dem des Meeres: Fischer sind schon öfter mit den Forschern der Darwin-Station aneinander geraten, weil ihnen die Fangquoten zu restriktiv waren.

In die Rettung des Landes sollen sie integriert werden, beim Aufbau einer Landwirtschaft - sie soll Importrisiken verringern - und eines Inspektorennetzes für Touristen, die schon einmal Meerschweinchen im Gepäck tragen. Schließlich gibt es bei der geplanten Schlacht selbst viel zu tun: Man will alle Invasoren gleichzeitig attackieren, damit nicht einer die frei werdende Lücke des anderen besiedelt oder eingewanderte Pflanzen wuchern, wenn die Ziegen weg sind.

Ob es gelingt, steht dahin. Und wenn es gelingt, kann es auch Probleme geben: Auf der kleinen Pinta-Insel, wo man mit der Ziegenausrottung schon erfolgreich war, gedeiht die heimische Vegetation nun allzu üppig, weil sie nur noch von einer Riesenschildkröte beweidet wird: "Lonesome George", der schon Darwin kannte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.8.2001, Science, Vol. 293, S. 590, jl)

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