Teutonisch seriös - Von Michael Moravec

13. August 2001, 20:04
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Die Optik ist ein wenig unvorteilhaft: Die Deutsche Bank bekräftigt am Montag der vergangenen Woche eine Kaufempfehlung für die Aktien der Deutschen Telekom, worauf das Papier leicht steigt. Wenig später wirft die deutsche Großbank 44 Millionen Telekom-Aktien im Auftrag eines Kunden auf den Markt. Bis zum Wochenende hatte die T-Aktie fast ein Fünftel ihres Wertes eingebüßt. Fein vor allem für diejenigen, die zu Wochenbeginn der Empfehlung gefolgt sind.

Doch so verständlich der Zorn der Sparer klingt, ist er doch unberechtigt. Denn zum einen hat die Deutsche Bank eben eine Aktienanalyseabteilung, die sich ein Urteil über die T-Aktie gebildet hat. Zum anderen hat das Institut Großkunden, die die Analyse offensichtlich für Mist hielten und den Auftrag erteilt haben, ein großes Aktienpaket zu verkaufen. Was hätte die Bank also tun können? Den Verkaufsauftrag einfach nicht befolgen? Undenkbar. Oder aber die Analyseabteilung vom Großauftrag zu benachrichtigen und die Empfehlung einstampfen? Das wäre die Weitergabe von Insiderinformation gewesen. Die Optik ist unglücklich, aber viel eleganter hätte sich die Deutsche Bank nicht aus der Affäre ziehen können.

Das Problem liegt im System selbst - dem Universalbankensystem. In Österreich wurde es übrigens perfektioniert: Ein börsenotiertes Unternehmen hat auf mehreren Ebenen mit einem Kreditinstitut verflochten zu sein. Die Bank gibt Kredite, hat das Unternehmen an die Börse gebracht, schreibt darüber Analysen, handelt mit den analysierten Aktien, sitzt womöglich noch prominent im Aufsichtsrat und ist in gleichen Funktionen auch für die Konkurrenz tätig. Interessenkonflikte? Ich bitt' Sie. Gegen diese österreichische "Realverfassung" ist das Match Deutsche Bank gegen Telekom geradezu teutonisch seriös. (Michael Moravec, Der Standard, Printausgabe, 14.8.2001)

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