Vorbereitungsarbeiten für ein Comeback

13. August 2001, 19:52
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Al Gore, diesmal mit Bart, treibt sich wieder in der Politarena der USA herum

Washington/Wien - Für politische Neupositionierungen gibt es offenbar keine idealere Zeit als die trägen Sommermonate. Nach einem halben Jahr in der Versenkung ist der glücklose demokratische Präsidentschaftskandidat Al Gore am Wochenende unvermutet in der US-Öffentlichkeit aufgetaucht - in einer Inszenierung, die medienübergreifend als ein erster Versuch Gores interpretiert wurde, die Chancen für eine Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2004 auszuloten. Der neuerdings mit Knebelbart und stattlichem Embonpoint versehene Exvize Bill Clintons hielt in Nashville in seinem Heimatstaat Tennessee ein Seminar für 50 Jugendliche ab, das dem Zweck diente, den Nachwuchs für das politische Gewerbe zu begeistern.

"Jeder Teilnehmer an diesem Seminar wird bei den Kongresswahlen 2002 eine Rolle spielen, einschließlich mir", meinte Gore, ohne sich aber in Einzelheiten zu vertiefen. Mit dieser kargen Antwort unzufriedene politische Beobachter ergehen sich seitdem in Spekulationen, Gore habe die Niederlage gegen George W. Bush nicht verwunden und sinne auf Rache.

Immerhin hatte Gore im Jahr 2000 ein Plus von einer halben Million Wählerstimmen in die Scheune gefahren und war nur an den Unberechenbarkeiten des Wahlmännersystems gescheitert. James Carville, ein demokratischer Parteistratege, meldete sich in USA Today mit der Einschätzung zu Wort, eine Kandidatur Gores sei schon deshalb nicht auszuschließen, weil Präsidentschaftswahlkämpfe ebenso süchtig machen könnten wie Sex: "Niemand sagt: ,Ich habe das schon einmal gemacht und werde es nie wieder tun.' Jeder sagt: ,Da bin ich auch beim nächsten Mal wieder mit dabei.'"

Bessere Performance

Eine CNN/Gallup-Umfrage unter demokratischen Parteigängern hat ergeben, dass sich 65 Prozent Gore 2004 als Herausforderer von George W. Bush vorstellen könnten. Hillary Clinton liegt an zweiter Stelle dieser Liste, sie hat allerdings hoch und heilig versprochen, dass sie für sechs Jahre im Senat bleiben werde.

Die Begeisterung für eine neuerliche Gore-Kandidatur dürfte sich vor allem bei demokratischen Hoffnungsträgern wie den Senatoren Tom Daschle, Joe Lieberman oder John Kerry oder dem kalifornischen Gouverneur Gray Davis, die immer wieder als potenzielle Kandidaten für 2004 genannt werden, in Grenzen halten. Den Beweis, dass seine Performance bei einem neuen Versuch überzeugender ausfallen würde als beim letzten Mal, wird Gore wohl nur schwer erbringen können.

Gore ist nicht der einzige renommierte Demokrat, den es derzeit mächtig in die politische Arena drängt. Ausgehend von Berichten über eine - später zurückgezogene - Kongresskandidatur von William Kennedy Smith ortet das Time Magazine unter dem Motto "Camelot lives!" ein Comeback des Kennedy-Clans.

Eine dominierende Rolle spricht das Magazin dabei Kathleen Kennedy Townsend zu, einer Tochter von Robert Kennedy, die im nächsten Jahr auf dem Weg über den Gouverneursposten von Maryland auf ein nationales Ticket der Demokraten vorrücken dürfte. Wenn man eine geheime familieninterne Umfrage durchführen würde, zitiert Time Edward "Ted" Kennedy, den Langzeitsenator von Massachusetts, würde Kathleen darin sicher als das verantwortungsbewussteste Mitglied der Familie Kennedy aufscheinen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.8.2001)

von Christoph Winder
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