Feilschen um den Blick zurück

13. August 2001, 21:59
posten

Der japanischen Gesellschaft fehlt ein Konsens über den Umgang mit der Kriegsvergangenheit

Tokio/Wien - Unter dem Deckmantel, Asien von den westlichen Kolonialmächten zu befreien, führte Japan in den Dreißiger- und Vierzigerjahren einen imperialistischen Feldzug gegen seine Nachbarn. Zahlreiche Gräueltaten der kaiserlichen Truppen zahlreisind ungesühnt geblieben, denn Japan tut sich immer noch schwer mit seiner Vergangenheit.

Als etwa Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe vor ein paar Jahren den japanischen Kulturorden ablehnte, weil diese offiziell "wichtigste Auszeichnung für Intellektuelle" vom Kaiser verliehen wird, belagerten Rechtsradikale tagelang sein Haus in Tokio. "Das Problem war, dass es in der Nähe meines Hauses kein Restaurant gibt", erzählte Oe kurz danach, "so besorgten sie in einem Fastfoodlokal Hamburger, die sie dann vor meinem Haus weiterverkauften. Dazu hissten sie eine Fahne mit den Worten: National Enemy Oe-Hamburger." Wo immer die Rechtsradikalen auftauchen, dürfen sie ungestraft ihre Parolen für die Wiedererrichtung des Kaiserstaates grölen und revanchistische Propaganda verbreiten. In Japan gibt es kein Verbotsgesetz. Die Rechtsradikalen sind eine zwar laute, aber politisch unbedeutende Gruppe. Viel einflussreicher sind die Veteranenverbände, die auch beim Yasukuni-Schrein das Sagen haben und deren Nähe zur Regierungspartei LDP nicht zu leugnen ist.


"Göttliches Land"

Der LDP gelingt es daher auch nicht, die regelmäßig wiederkehrenden verbalen Entgleisungen ihrer Funktionäre zu Japan und seiner Verantwortung in der Geschichte zu unterbinden. Koizumis Vorgänger Mori bezeichnete etwa Japan als "göttliches Land mit dem Kaiser im Mittelpunkt", obwohl jegliche Anspielungen auf den Tenno und den Shintoismus eine Rückwendung zur militaristischen Vergangenheit bedeuten. Im Gedenkjahr 1995, fünfzig Jahre nach der Kapitulation, feilschten die Parlamentsparteien um eine Resolution: Den Sozialisten, die damals den Premier stellten, gelang es nicht, die Konservativen zu klaren Worten des Bedauerns über die Gräueltaten in Asien zu bringen. Am Ende stand ein schwammiger Kompromiss. Denn im Wesentlichen läuft die Debatte um die Vergangenheitsbewältigung seit 1945 immer nach demselben Schema ab: nur so viele Zugeständnisse wie außenpolitisch unbedingt notwendig, und so vage bleiben wie möglich, um die Rechten im Inland nicht zu vergrämen.

Seoul und Peking reagieren dabei besonders empfindlich auf revanchistische Untertöne. Neben dem Besuch beim Yasukuni-Schrein stoßen sich Japans Nachbarländer besonders an neuen - verharmlosenden und beschönigenden - Schulbüchern für den Geschichtsunterricht. Nachdem Intellektuelle jahrzehntelang für die unzensierte Darstellung historischer Fakten in den Schulbüchern gekämpft hatten, war es erst kürzlich möglich geworden, die Zwangsprostituierten zu erwähnen oder das Wort "Invasionskrieg" zu verwenden. Die neuen Texte gehen wieder einen großen Schritt zurück.

Was bis heute fehlt, ist ein gesellschaftspolitischer Konsens über die Kriegsvergangenheit. Anders als vor zwanzig Jahren wird immerhin offen über das Massaker an Chinesen in Nanking 1937/1938 oder die Kriegsschuld des Kaisers gesprochen. Die heftige Debatte über Koizumis Besuch beim Yasukuni-Schrein könnte Japans Öffentlichkeit nun auch sensibler für die Frage der Vergangenheitsbewältigung gemacht haben.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.8.2001)

von Judith Brandner

Die Autorin ist freie Journalistin und Japan-Expertin
Share if you care.